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Studentische Video-(Streik-)Zeitung an den West-Berliner Universitäten seit den späten 1980er-Jahren

02.04.2026

Hülle der U-matic S mit der ersten Ausgabe der Videostreikzeitung vom 8. Dezember 1988.

Hülle der U-matic S mit der ersten Ausgabe der Videostreikzeitung vom 8. Dezember 1988.
Bildquelle: Foto: Lisa-Frederike Seidler.

Filmstill der ersten Ausgabe der Videostreikzeitung vom 8. Dezember 1988.

Filmstill der ersten Ausgabe der Videostreikzeitung vom 8. Dezember 1988.
Bildquelle: Freie Universität Berlin, Universitätsarchiv, ASTA-6/1, Videostreikzeitung vom 8.12.1988, TC: 14:10.

Anfang 2025 erhielt die Arbeitsstelle Universitätsgeschichte der Freien Universität Berlin vom Archiv des AStA der Technischen Universität Berlin einen 181 Videobänder umfassenden Bestand der Video-(Streik-)Zeitung. Dabei handelt es sich um eine audiovisuelle Nachrichtensendung, die erstmals von Studierenden im Umfeld des UNiMUT-Streiks im Wintersemester 1988/89 produziert wurde. Zu dieser Zeit begleiteten Studierende der Freien Universität, der Technischen Universität, der Hochschule der Künste sowie der Technischen Fachhochschule das Protestgeschehen an den Hochschulen West-Berlins mit Videokameras.

Der gesamte Bestand umfasst unterschiedliche AV-Formate. Neben einigen wenigen offenen Spulen (Reel-to-Reel) im Format „Japan Standard 1“ von Sony, sind es vor allem Videokassetten im Format U-matic und U-matic S (Small). U-matic-Formate können heute nur noch mit speziellen Abspielgeräten gesichtet werden, die nicht mehr produziert werden. Insofern konnte zunächst nur ausgehend von den Beschriftungen auf Inhalte rückgeschlossen werden. Laut diesen handelt es sich bei dem Bestand sowohl um Masterbänder geschnittener, täglich produzierter Ausgaben der Video-Streik-Zeitung, als auch um Rohmaterial, sowie zum Teil Streikauswertungen, Interviews und Mitschnitte von Alltäglichem aus der Universität und den Lebensräumen der Studierenden nach Ende des Streiksemesters.

Die Medienspezifik und das Alter der Bänder bedingen einen umsichtigen Umgang mit dem Trägermaterial und eine zeitnahe, professionelle Digitalisierung. Durch die finanzielle und organisatorische Unterstützung des Digitalen Netzwerk Sammlungen der Berlin University Alliance konnten bisher insgesamt 33 Bänder im Format U-matic S an die Filmstube Berlin UG, einem externen Dienstleister zur Digitalisierung, übergeben werden. Daraus wurden 28 Bänder bis November 2025 erfolgreich digitalisiert. Fünf Bänder wiesen kein Signal auf und konnten nicht encodiert werden. Jedes Band hat eine Laufzeit von rund zwanzig Minuten, sodass nun circa 8,5 Stunden audiovisuelles Material aus studentischer Produktion vorliegt. Nach Abschluss der Digitalisierung wurden die Dateien im Schwerpunktbereich Studierendengeschichte der Freien Universität nach 1968 forschungsbegleitend in der Arbeitsstelle Universitätsgeschichte erschlossen. Das Material zeigt nicht nur Streikaktivitäten und -organisationsweisen von Studierenden, sondern greift auch deutlich in den Universitätsalltag aus: Neben dem Master der ersten Ausgabe der Video-Streik-Zeitung vom 8. Dezember 1988 finden sich dort auch Aufnahmen von offiziellen Gremien der Freien Universität, wie beispielsweise Kuratoriums- und Institutsratssitzungen, aber auch Proben von studentischen Theatergruppen und Kleinkunstabenden. Darüber hinaus umfasst es Interviews und Mitschnitte von studentischen Kongressen oder Veranstaltungen mit Vorträgen und Podiumsdiskussionen; etwa des Juristen Uwe Wesel oder der Erziehungswissenschaftlerin und Politikerin Hilde Schramm.

Die Bänder sind insofern Medien von Studierenden im doppelten Sinn. Sie wurden einerseits von Studierenden verschiedener Hochschulen produziert. Dabei ist besonders die überinstitutionelle „Arbeitsgruppe Videozeitung“ im Streiksemester hervorzuheben. Andererseits liegen hiermit seltene Bewegtbilder vor. Sie erweitern nicht nur die Zeitspanne der Geschichte der Freien Universität um die bislang nicht vorrangig betrachteten 1980er- und frühen 1990er-Jahre, sondern geben vor allem auch den Blick auf Studierende als eine sonst meist flüchtige Statusgruppe der Universität, ihre Diskussionen und Orte frei. Als Quellen im Bereich der Universitätsgeschichte sind die Bänder darüber hinaus hinsichtlich ihrer Medialität interessant. Denn die Video-(Streik-)Zeitung ist nicht nur inhaltlich aufschlussreich, sondern wirft auch Fragen nach den Potenzialen audiovisueller Medien für das Methodenspektrum der Universitätsgeschichte auf. Seit den späten 1970er-Jahren und insbesondere im Umfeld studentischer Streikaktivitäten bildeten sich damals an immer mehr Hochschulen in West-Berlin und der Bundesrepublik Videogruppen. Parallel zur flächenmäßigen Verbreitung von Film- und Videotechnik in den 1980er-Jahren geht mit dem Fokus auf die Studierendengeschichte nach 1968 auch eine Methodenreflexion einher, die audiovisuelle Bewegtbilder als neuen Medien der Universitätsgeschichte adressiert.

Wenngleich das Universitätsarchiv der Freien Universität auch über filmisches Material verfügt, machen audiovisuelle Medien noch immer einen vergleichsweise kleinen Teil des Bestands aus. Eine Herausforderung im Umgang mit solch audiovisuellen Medien stellt nicht zuletzt die unklare Rechtelage dar. Insbesondere Rohmaterial oder gefilmte Gremien, deren Veröffentlichung nicht intendiert war, erfordern einen sorgfältigen Umgang mit Urheber- und Persönlichkeitsrechten. Im nächsten Schritt werden deshalb die Metadaten über die Datenbank des Universitätsarchivs veröffentlicht, sodass sie für Forschende recherchierbar sind. Eine Sichtung der Video-(Streik-)Zeitung ist vor Ort im Universitätsarchiv möglich.


Dieser Text erschien zuerst im Blog des Digitalen Netzwerk Sammlungen am 31.03.2026.