Provenienzforschung in der Universitätsbibliothek
Der Begriff Provenienzforschung leitet sich vom Begriff Provenienz, der Herkunft, ab. Die Provenienzforschung ist eine Teildisziplin der Kunstgeschichte. Sie widmet sich der wissenschaftlichen Erforschung der Herkunft von Kulturgütern und den wechselnden Besitzverhältnissen beispielsweise von einzelnen Kunstwerken in Museen, von Büchern in Bibliotheken oder Antiquariaten sowie von Archivgut.
Es werden historische Zusammenhänge, insbesondere bei Enteignungen und Zwangsverkäufen während der Zeit des Nationalsozialismus, untersucht. Provenienzforschung leistet somit einen zentralen Beitrag zur Aufarbeitung der NS-Gewaltherrschaft und ist Teil der Erinnerungskultur.
Die Freie Universität Berlin wurde am 4. Dezember 1948 gegründet. Erste Buchbestände wurden über die sogenannte Bibliotheksleitstelle gesammelt. Daraus entstand 1952 die Universitätsbibliothek. Durch Spenden, antiquarische Käufe und die Übernahme von Sammlungen anderer Bibliotheken entwickelte sich ein heterogener Bestand.
Die „Arbeitsstelle Provenienzforschung“ wurde 2013 an der Universitätsbibliothek gegründet.
Grundlagen der Arbeit basieren auf international anerkannten Leitlinien und Empfehlungen, darunter:
- Washingtoner Prinzipien (1998)
- Gemeinsame Erklärung (1999)
- Handreichung (2025)
- Leitfaden Provenienzforschung (2019)
Bücher enthalten oft Spuren ihrer Vorbesitzer*innen. Untersucht werden Exemplare mit folgenden Merkmalen:
- Erscheinungsjahr vor 1946
- Hinweise auf Vorbesitz: Stempel, Ex Libris, Widmungen, Signaturen, Namenseinträge, etc.
Der Bestand der Universitätsbibliothek der FU Berlin umfasst heute rund 7 Millionen Medien. Davon sind 1,1 Millionen Bücher vor 1946 erschienen. Ein beachtlicher Teil enthält Provenienzen, die möglicherweise auf Enteignungen und Zwangsverkäufen während des Nationalsozialismus hinweisen und als potentiell belastet gelten.
Detektivarbeit mit vielen offenen Fragen
Die Recherche ist oft aufwändig und zeitintensiv. Ziel ist die Rückgabe an Erb*innen/Rechtsnachfolger*innen.
Einige typische Fragen, die wir stellen:
- Woher stammen diese Bücher?
- Wer hat sie wann entzogen?
- Wer waren die rechtmäßigen Eigentümer*innen?
Ist eine Spur gefunden, beginnt eine gezielte wissenschaftliche Recherche in:
- nationalen und internationalen Datenbanken, Archiven und Bibliothekskatalogen
- historischen und genealogischen Quellen
