Vortrag | Eine kleine Theorie des Rockstars als Henker und Souverän. Von Caillois zu Bowie (and back)
Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung The Magic of Art – zum Verhältnis von Kunst, Religion und Emanzipation
Eine Ringvorlesung des Instituts für Religionswissenschaft der Freien Universität Berlin
Eine kleine Theorie des Rockstars als Henker und Souverän. Von Caillois zu Bowie (and back)
- Massimo Palma
Philosophische Fakultät,
Suor Orsola Benincasa Universität Neapel
In einem 1939 publizierten Vortrag hat Roger Caillois eine Soziologie des Henkers dargestellt, in der er dieses Subjekt aus der Unterschicht der Gesellschaft der oberen, der des Herrschers, annäherte. Der Henker, mit seiner Redingote bekleidet, ist laut Caillois „ungeregelt, trostlos, unheilvoll“ und ähnelt einem Zauberer oder Priester, der im Dunkel agiert. Er ist derjenige, der die Last und das Schreckliche der Exekution auf sich lädt. Er steht gleichzeitig unter und über dem Gesetz. Deshalb scheint er wie der eigentliche Souverän: „Seine Handlung ist sowohl Opfer (sacrifice) als auch Sakrileg (sacrilège)“ und teilt dem Publikum der Todesstrafe – dem Volk – den „blutigen und feierlichen Spektakel der Gewaltenübertragung“ mit (Sociologie du bourreau).
Niemand hat seine Rolle als Rockstar so vielfältig und verwandlungsvoll gespielt wie David Bowie.
Masken, perpetuelle Metamorphosen, inszenierte Ekstasen, aber auch eine ungeheure Kontrolle seines Ausstellungswerts – nicht nur als Warenprodukt, sondern auch als charismatische Suggestionskraft.
Seit seinen ersten personae (Ziggy Stardust, Aladdin Sane bis zum politisch nicht unschuldigen „Thin White Duke“) hat Bowie auch mit kriminalrechtlichen Tatbeständen gearbeitet, aus der Perspektive eines feinen, wenn auch sehr einfühlsamen Anthropologen. Selbstmord, Verfolgungen und psychotische Amokläufe sind Themen seines Schreibens in den Siebzigerjahren, die auch in den Neunzigern weiterverfolgt wurden. Bis zum unheimlichen Höhepunkt: die Maske des Nathan Adler, eines Detektivs, der „kunstvolle“ Mörder untersucht, und der Mann in der Redingote, wie er auf dem Earthling Albumcover zu sehen ist. Kunst als Performance des Opfers und Recht als gesetzte Gewalt sind unter den inspirierten und problematischen Themen, in denen Bowie sich als Henker und Souverän darstellt. Auf diese Weise, erregen Bowies Narrative nicht nur die niederen Instinkte beider Pole der Gesellschaft, die er verkörpert, aber vergewissern sich auf unheimliche Weise der Kontinuität der Gewalt.
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Zeit & Ort
18.06.2026 | 18:15 - 19:45
Freie Universität Berlin,
Raum 2.2058 (Holzlaube),
Gebäudekomplex Fabeckstr. 23 – 25,
14195 Berlin
