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Vortrag | Furio Jesi und das Dilemma radikaler Gesellschaftskritik oder: Die Kunst der Kritik

07.05.2026 | 18:15 - 19:45

Eine Ringvorlesung des Instituts für Religionswissenschaft der Freien Universität Berlin


Furio Jesi und das Dilemma radikaler Gesellschaftskritik oder: Die Kunst der Kritik

  • Dr. Frank Engster
    Helle Panke Berlin

Die Ringvorlesung fragt nach dem Zusammenhang von Gesellschaftskritik und Kunst, genauer, nach dem emanzipatorischen Potenzial, das in der Kunst liegt. Die Vorlesungsreihe fragt aber auch danach, wie mit der Herkunft der Kunst aus der Religion umzugehen sei. Diese Frage betrifft natürlich nicht allein die Kunst, vielmehr ist alles Geistige aus dem Religiösen hervorgegangen, zumindest wenn das Religiöse in einem weiten Sinne gefasst wird und auch heidnisches und mythisches Denken umfasst.

Vor allem aber hat alles Geistige, und zwar auch das aufgeklärte, rationale Denken der neuzeitlichen modernen Gesellschaft, diese Herkunft aus seinem vermeintlich „Anderen“ nicht überwinden können. Mehr noch, auch, und vielleicht sogar gerade in der modernen, aufgeklärten Gesellschaft sind Religion und Mythos weiterhin wirksam, besonders eindringlich zurzeit im Erstarken von religiösem Fundamentalismus in all seinen Versionen sowie in Verschwörungsmythen und einem neuen Faschismus.

Und genau darin liegt das Dilemma radikaler Gesellschaftskritik und von Emanzipation: Wie können wir uns von etwas befreien, das wir nicht loswerden können? Wie funktioniert eine Kritik, die letztlich das Paradox einer Selbstaufklärung wie Selbstbefreiung sein muss?

Der Vortrag soll in einem Parforceritt die bisherigen Versuche einer solchen „Kunst der Kritik“ vorstellen. Ausgangspunkt ist die kritische Einsicht des Deutschen Idealismus schlechthin: dass Kritik kein äußerliches Urteil, sondern immanente Kritik sein muss. Marx hat dann diese immanente Kritik in einer „materialistischen Wendung“, die den Geist und die Hegelsche Dialektik vom „Kopf auf die Füße stellen“ wollte, durch seine Kritik der politischen Ökonomie gleichsam vergesellschaftet. Adorno steht nach der Erfahrung zweier Weltkriege, von Stalinismus, NS und Shoah für eine immanente Kritik, die in der Tradition von Kant, Hegel sowie von Marx steht, die aber einerseits nach dem verheerenden Umschlag von Aufklärung und Fortschritt in ihr Gegenteil fragt und sich andererseits konsequent negativ halten will. Dieser Umschlag, diese „Dialektik der Aufklärung“ sowie die Konzeption einer negativen Dialektik, markierten eine Art toten Punkt der Kritik.

Dieser tote Punkt ist indes Ausgangspunkt der „Kunst der Kritik“ eines (noch) weitgehend unbekannten Denkers, des italienischen Mythenforschers, Literaturkritikers und Marxisten Furio Jesi. Jesi hat um das einschneidende Jahr 1968 den verhängnisvollen Umschlag von Aufklärung in Mythos aufgenommen und gefragt, wie ein emanzipatorischer Umgang mit einem Mythos gelingen kann, den man überwinden muss und doch nicht loswerden kann. Er entwickelte zwei Methoden, eine aufseiten der Theorie, eine aufseiten der Praxis. Aufseiten der Theorie entwickelt er, parallel zu Deleuze, Guattari, Derrida und anderen, das Verfahren der Dekonstruktion und das Konzept oder Dispositiv der „mythologischen Maschine“. Aufseiten der Praxis konzipierte er die Revolte als Möglichkeit einer Destruktion: Einer Destruktion, welche die „historische Zeit“ aussetzt durch die „Epiphanie des Über-Morgen“.

 Frank Engster hat Das Geld als Maß, Mittel und Methode. Das Rechnen mit der Identität der Zeit (2014) veröffentlicht sowie weitere Texte, die um den Zusammenhang von Maß, Geld und Zeit und um die Verschränkung von Erkenntnis- und Gesellschaftskritik kreisen. Er interessiert sich für die verschiedenen – (post-) operaistischen, (post-)strukturalistischen, formanalytischen, (queer-)feministischen – Lesarten der Marxschen Kritik, insbesondere für das Geld als Technik und seine Verbindung mit Messung, Quantifizierung, Zeit und (Natur-)Wissenschaft. Einige seiner Veröffentlichungen sind auf academia.edu zu finden.


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Zeit & Ort

07.05.2026 | 18:15 - 19:45

Freie Universität Berlin,
Raum 2.2058 (Holzlaube),
Gebäudekomplex Fabeckstr. 23 – 25,
14195 Berlin