Ja. Aber. Die Welt steckt voller Widersprüche.
|
Liebe Leser*innen,
eindeutig ist einfach – und scheint im Trend zu liegen. Einfache Antworten auf komplexe Fragen sind beliebt, auch wenn, oder gerade weil sie einen Teil der Realität einfach ausblenden. „Nicht mit uns!“, sagt die Wissenschaft.
Ambivalenz ist die Herausforderung. „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, wusste schon Sokrates. „Das Gleiche lässt uns in Ruhe, aber der Widerspruch ist es, der uns produktiv macht“, erkannte Goethe. In diesem Sinne plädiert diese et al.-Ausgabe für Widersprüche. Und für Widerspruch.
Sie sind anderer Meinung? Schreiben Sie uns: et-al-newsletter@kum.fu-berlin.de
Wie immer: Wenn Sie Lust auf noch mehr Freie Universität Berlin haben, finden Sie im Newsroom alle Beiträge, Pressemitteilungen, Artikel aus der Tagesspiegel-Beilage und Veranstaltungstipps. Mehr vom et al.-Newsletter? Alle bisherigen Ausgaben.
Die nächste Ausgabe erscheint am 13. August 2026.
Eine interessante Lektüre wünscht Ihr et al.-Redaktionsteam
|
|
|
|
Prof. Dr. Martin Lücke und Prof. Dr. Sabine Achour
Bildquellen: Anja Müller / Fotostudio Charlottenburg | Montage: KuM
|
„Urteilsfähigkeit entsteht durch Streit, nicht durch Vorgaben“
|
|
|
|
Sabine Achour und Martin Lücke im Interview
Die Zahl 5 steht für Art. 5 Abs. 3 Grundgesetz und damit für den Kern demokratischer Wissenschaft: Wissenschaftsfreiheit garantiert, dass Erkenntnis nicht politisch vorgegeben wird, sondern im offenen, überprüfbaren Streit entsteht. Sie schützt Universitäten als Orte unabhängiger Kritik und verhindert die Instrumentalisierung von Wissen durch Machtinteressen. Gerade in Zeiten politischer Polarisierung durch Rechtspopulismus ist diese „5“ mehr als eine Norm: Sie ist die Voraussetzung dafür, dass Wissenschaft ihre öffentliche Funktion erfüllen kann – als Produzentin von überprüfbarem, strittigem und damit demokratisch anschlussfähigem Wissen.
Über Sprache wird Politik gemacht: Die Begriffe bleiben, werden aber mit anderer, teils gegenteiliger Bedeutung aufgeladen. So nutzen Menschen aus verschiedenen politischen Richtungen Wörter wie Demokratie, Freiheit oder Frieden mit unterschiedlichen Zielen. Diese Mehrdeutigkeit dient als politisches Werkzeug. Welche Folgen hat das für eine Gesellschaft? Was weiß man dazu aus der Forschung? Antworten geben die Politikwissenschaftlerin Sabine Achour und der Historiker Martin Lücke; beide bilden an der Freien Universität Berlin zukünftige Lehrkräfte aus.
et al.: Warum wird der Begriff Wissenschaftsfreiheit derzeit so unterschiedlich verwendet, und was bedeutet er insbesondere für die historisch-politische Bildung?
Martin Lücke: In der historisch-politischen Bildung ist Wissenschaftsfreiheit zentral, weil sie die Offenheit von Geschichte sichtbar macht. Wissenschaftsfreiheit ermöglicht, Vergangenheit nicht als feststehende Wahrheit zu lehren, sondern als Ergebnis von Quellenarbeit, methodischen Entscheidungen und kontroversen Deutungen. Wird Wissenschaftsfreiheit eingeschränkt – etwa als Anspruch auf unwidersprochene Positionen –, wird genau dieser Prozess unsichtbar. Historisch-politische Bildung lebt jedoch davon, dass Lernende Deutungen prüfen, vergleichen und kritisieren. Wissenschaftsfreiheit schützt damit den Raum, in dem Urteilsfähigkeit entsteht: durch Streit, nicht durch Vorgaben.
Was ist gemeint, wenn von Neutralität in Schule und Hochschule die Rede ist? Und wer verbindet welche Erwartungen damit?
Sabine Achour und Martin Lücke: Neutralität wird mit Verweis auf das Mäßigungsgebot im Beamtenrecht häufig als vor allem parteipolitische Zurückhaltung oder Nicht-Positionierung verstanden. Wir beobachten zunehmend eine Instrumentalisierung des Begriffs im Sinne einer weaponized neutrality: Akteure platzieren demokratie- und menschenfeindliche Positionen als gleichberechtigt in Bildung und Wissenschaft und diskreditieren den Widerstand dagegen als Verletzung von Neutralität.
Dabei bedeutet Neutralität gerade für Schule und Hochschule etwas anderes: Für sie gibt es keine normative Neutralität, weil sie an die freiheitlich-demokratische Grundordnung (Verfassungstreue) sowie an wissenschaftliche Standards gebunden sind: Lehrende sollen unterschiedliche Perspektiven eröffnen, ohne zu indoktrinieren – aber sie dürfen und sollen nicht wertneutral sein. Neutralität heißt daher nicht, auf ein Urteil zu verzichten, sondern es begründet, transparent und kontroversitätsbewusst zu fällen.
Viele erwarten, dass politische Bildung Präventionsarbeit ist, dass sie beispielsweise vor antidemokratischen Einstellungen schützt. Sie, Frau Achour, sagen, das sei ein Missverständnis. Warum?
Sabine Achour: Präventionsprogramme behandeln Teilnehmende implizit als „potenzielle Demokratie-Gefährder*innen“ und sprechen sie als Objekte staatlicher Maßnahmen an. So vermischen sich sicherheitspolitische und pädagogische Handlungslogiken. Politische Bildung verfolgt jedoch ein anderes Ziel: Sie will Menschen befähigen, eigenständig zu urteilen, zu handeln und mündig zu werden. Prävention ist ein (erwünschter) Sekundäreffekt.
Problematisch ist, dass Extremismusprävention autoritären Politikangeboten entgegenkommt, die Ordnung durch Politik überbetonen, statt Menschen für die Gestaltung der Demokratie zu gewinnen. Politische Bildung kann Konflikte und Krisen jedoch nur dann rechtzeitig – also bevor sie eskalieren – aufgreifen, wenn sie frei von staatlicher inhaltlicher Steuerung bleiben.
Prof. Dr. Sabine Achour ist am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft Professorin für Politikdidaktik und Politische Bildung.
Prof. Dr. Martin Lücke ist Professor für Didaktik der Geschichte / Queer History am Friedrich-Meinecke-Institut.
|
|
|
|
Sabine Achour und Martin Lücke sind Gäste in einer Folge des FU-Podcasts „Die politische Universität“, der ab Juni abrufbar ist. In fünf Folgen geht es um Fragen wie: Wie politisch darf, muss eine Universität sein? Was folgt aus dem parteipolitischen Neutralitätsgebot – und was nicht? Wer darf was in welcher Rolle? Wie engagieren sich Studierende in der Hochschulpolitik? Der Podcast, den Mitarbeitende der Stabsstelle Kommunikation und Marketing der Freien Universität hosten, lotet inhaltliche und rechtliche Bedingungen und Spielräume dafür aus.
|
|
|
|
Klima schützen trotz knapper Kassen?
|
|
|
|
|
Die Freie Universität Berlin wäre am liebsten längst klimaneutral. Bis 2025 sollte es so weit sein. Das war 2019 der Plan. Doch es ist kompliziert.
Die Universität hat ihre direkten CO₂-Emissionen aus dem Betrieb seit 2000/01 erheblich gesenkt. Ihr Strom stammt bereits vollständig aus erneuerbaren Energien. Aber: Wärme verursacht den größten Teil der verbleibenden messbaren CO₂-Emissionen. Sie kommt weiter von Zulieferern, die noch an fossile Energieträger gebunden sind.
|
|
|
|
Direkter CO₂-Ausstoß aus Campusbetrieb, Dienstreisen und Papierverbrauch, Strom zu 100 % aus erneuerbaren Energien
|
|
|
|
Hinzu kommen neue Zielkonflikte: Kann sich eine Universität noch Investitionen in Klimaschutz leisten, etwa Dämmung oder Photovoltaik, wenn ihr Budget massiv gekürzt wurde? Die Antwort: Sie kann und muss.
Wie? Das Präsidium der Freien Universität hat beschlossen, einen internen Klimaschutzfonds einzurichten. Für jede ausgestoßene Tonne CO₂ aus Campusbetrieb, Papierverbrauch und Dienstreisen der Universitätsmitglieder fließen 30 Euro in Maßnahmen für Klimaschutz und Biodiversität an der Universität. Legt man die 8.842 Tonnen CO₂ zugrunde, die 2024 erfasst wurden, wären das 265.262 Euro jährlich. Mittelfristig sollen es 50 Euro pro Tonne werden. Nachhaltigkeitsziele und -grundsätze für Dienstreisen in der geplanten Novelle der Reiserichtlinie sollen Mitarbeitende zudem motivieren, stärker klimafreundliche Transport- und Kommunikationsmittel zu nutzen.
Aus dem Klimaschutzfonds werden Initiativen von Universitätsmitgliedern finanziert, etwa in den Formaten FUturist und Living Labs. Außerdem sollen klimafreundliche Maßnahmen für Gebäude und Technik sowie Biodiversität auf dem Campus gefördert werden – allerdings nur solche Maßnahmen, die nicht ohnehin gesetzlich oder vertraglich vorgeschrieben sind. Dieses Kriterium der Zusätzlichkeit stärkt die Klimaschutzaktivitäten der Universität und macht sie resilient.
Wofür das Geld verwendet wird, entscheidet eine Arbeitsgruppe aus Mitgliedern der Technischen Abteilung, der Servicestelle für Gebäudemanagement, der Stabsstelle Nachhaltigkeit und der für Nachhaltigkeit zuständigen Präsidiumsmitglieder. Regelmäßige Berichte über die finanzierten Maßnahmen machen die Entscheidungen transparent. Das Konzept setzt auf Klimaschutz vor der eigenen Haustür statt auf den Kauf externer Zertifikate zur Kompensation von CO₂-Emissionen.
|
|
|
|
Physikalische Widersprüche: Gott würfelt doch
|
|
|
|
Physiker*innen sind auch nur Menschen, sagt Daniel Reich. Wenn man eine Theorie entwickelt und sie angefochten wird, kann die erste Reaktion auch mal sein, den Widerspruch nicht sehen zu wollen.
Bildquelle: Olga Jarugski
|
|
|
|
Einstein war überzeugt: Im Mikrokosmos gibt es keine Zufälle. Die Quantenmechanik hat diese Annahme widerlegt. Der Forscher Daniel Reich von der Freien Universität Berlin erklärt, warum die Physik voller Widersprüche steckt – und warum sie ihn antreiben.
Menschen kaufen im Fast-Fashion-Laden, obwohl sie die Produktionsbedingungen verteufeln. Sie wollen mehr Rechte für Arbeiter*innen, schimpfen aber auf die Lokführer*innen, die den Nahverkehr bestreiken. Sie glauben nicht an Gott, fangen in einer brenzligen Situation jedoch an zu beten.
Widersprüchlichkeit ist ein zutiefst menschliches Merkmal. Dennoch streben wir nach einem Glaubens- und Gedankensystem ohne Widersprüche. Das zumindest besagt die Dissonanztheorie. Schleicht sich ein offensichtlicher Widerspruch ein, empfinden ihn viele als unangenehm, als Spannung, die sie am liebsten schnell wieder loswerden wollen.
Gleichzeitig gibt es Menschen, die ihr Leben der Widersprüchlichkeit verschrieben haben. Dazu zählen Physiker*innen. Denn ausgerechnet die Wissenschaft, die die Phänomene der unbelebten Natur zu durchdringen versucht, dieser scheinbar berechenbaren Konstante, ist voll von Widersprüchen. Mehr noch: „Zufall ist ein fundamentales Element der Natur“, erklärt der Quantenphysiker Daniel Reich von der Freien Universität Berlin. „Was in der Physik vorhersehbar ist, ist, dass manche Dinge nicht vorhersehbar sind.“
Dabei hatten Forschende lange geglaubt, es gebe keinen Zufall in der Natur. „Gott würfelt nicht“, sagte niemand Geringeres als Albert Einstein. Er glaubte an Determinismus, also daran, dass sich Messergebnisse bei präziser Kenntnis des Ausgangszustands exakt vorhersagen lassen. Erst die Quantenmechanik widerlegte diesen Glauben. Sie besagt, Reich zufolge, dass es ein inhärentes Zufallselement in bestimmten Messungen gibt, das sich selbst mit einem perfekten Experiment nicht eliminieren lässt.
Von Christopher Ferner
|
|
|
|
Bildquelle: Henrik Discher
|
Wir zeigen einen Schnappschuss aus der aktuellen Forschung an der Freien Universität Berlin, und Sie raten, worum es geht. Die Auflösung gibt’s per Klick.
Was wurde hier wie erforscht?
|
|
|
|
Machen ist wie wollen – nur krasser
|
Wenn unsere Vorsätze und unser Handeln im Widerspruch stehen, müssen wir nicht verzweifeln, sagen die Gesundheitspsycholog*innen Nina Knoll und Jan Keller. Zusammen mit Kolleg*innen erforschen sie Wege aus der „Intentions-Verhaltenslücke“.
Wer kennt sie nicht, die guten Vorsätze, etwa mehr Sport zu treiben oder sich gesünder zu ernähren? Man ist entschlossen, trifft sogar konkrete Vorbereitungen. Und was passiert dann? Jedenfalls nicht immer das, was man sich vorgenommen hat.
In der Gesundheitspsychologie nennt man das „Intentions-Verhaltenslücke“. Eine Metaanalyse, die Studien aus vielen Ländern zusammenfasst, zeigt, dass diese Lücke beim Thema körperliche Aktivität rund 48 Prozent beträgt: Fast die Hälfte der Menschen, die sich mehr Bewegung vornehmen, bleiben untätig. Trotzdem sind Vorsätze entscheidend – ohne sie werden nur etwa vier Prozent überhaupt aktiver.
Wenn-dann-Pläne können helfen
Welche Maßnahmen aber helfen, Widerstände und bequeme Gewohnheiten zu überwinden? Peter M. Gollwitzer schlägt zum Beispiel „Wenn-dann-Pläne“ vor: Im Wenn-Teil wird eine konkrete Situation benannt – „Wenn ich morgens zur Arbeit gehe“ –, die im Dann-Teil mit einer klaren Handlung, zum Beispiel zur Steigerung der körperlichen Aktivität, verknüpft wird: „dann laufe ich bis zur übernächsten U-Bahn-Station“. Als mentale Verknüpfung von Situation und intendiertem Verhalten können Pläne helfen, gute Gelegenheiten im Alltag zu erkennen und die Umsetzung zu priorisieren. Ob es zusätzlich nützt, sich die Umsetzung bildlich vorzustellen und dabei entstehende Gefühle zu antizipieren, wird derzeit in einer Studie zur regelmäßigen Unterbrechung des Sitzens im Alltag untersucht.
Auch das soziale Umfeld und die Umwelt zählen
Neben den Maßnahmen, die beim Einzelnen ansetzen, spielen auch das unmittelbare soziale Umfeld und die Umwelt eine wichtige Rolle. Ergebnisse einer Tagebuchstudie zeigten, dass Menschen zusätzlich zu ihrer individuellen Planung auch an etwa 30 Prozent der Tage zusammen mit anderen Personen planten, wie sie körperlich aktiver werden konnten. Ein aktuelles Online-Experiment untersucht verschiedene Strategien, die Paaren helfen könnten, sich gesünder zu ernähren – und ob es einen Unterschied macht, wie aktiv sich Partner*innen an den Unterstützungsmaßnahmen beteiligen.
Die am Arbeitsbereich assoziierte Nachwuchsgruppe AMBER erforscht zudem, wie Umweltfaktoren Menschen dazu bewegen, häufiger aufs Fahrrad zu steigen oder den öffentlichen Nahverkehr zu nutzen. Zwischenfazit: Im Berliner Straßenraum und Nahverkehr kommen Bedarfe benachteiligter Gruppen bisher zu kurz. Um aktivere Mobilität zu fördern, braucht es eine konsequente Stärkung der Infrastruktur.
Auch wenn dieser Blick auf mehrere Ebenen die Sache zunächst kompliziert erscheinen lässt, bringt er uns der Realität ein gutes Stück näher. Erfolgreiche Verhaltensänderung ist kein Schalter, der einfach nur umgelegt werden muss, sondern entsteht im Zusammenspiel vieler Einflüsse.
Nina Knoll und Jan Keller sind Professor*innen am Arbeitsbereich Gesundheitspsychologie der Freien Universität Berlin.
|
|
|
|
Offener Hörsaal im Sommersemester 2026
|
- RISIKO LEBEN – zwischen Zufall, Vorsehung und Berechnung in der Alten Welt: Eine Ringvorlesung der Freien Universität Berlin und des Berliner Antike-Kollegs, dienstags 18:15 – 19:45 Uhr
- The Magic of Art – zum Verhältnis von Kunst, Religion und Emanzipation: Eine Ringvorlesung des Instituts für Religionswissenschaft der Freien Universität Berlin, donnerstags 18:15 – 19:45 Uhr
- Psychische Gesundheit im Fokus – zwischen Forschung, Praxis und gesellschaftlichen Herausforderungen: Eine Ringvorlesung des Arbeitsbereichs Klinische Psychologie und Psychotherapie, Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie, Freie Universität Berlin, donnerstags 18:15 – 19:45 Uhr
|
|
|
|
In diesem Rätsel gilt es, aus 16 Wörtern vier Gruppen zu je vier Begriffen zu bilden, die durch eine gemeinsame Eigenschaft verbunden sind.
Ein Beispiel: Was haben BRÜCKE, FÜLLUNG, KRONE und VENEER gemeinsam? Die Lösung: Sie stecken in renovierten Dentalruinen.
Nun sind Sie dran: Finden Sie die versteckten Muster und bringen Sie die passenden Begriffe zusammen. Viel Erfolg!
|
|
|
|
|
|
Impressum
Freie Universität Berlin Stabsstelle Kommunikation und Marketing Kaiserswerther Str. 16-18 14195 Berlin
et-al-newsletter@kum.fu-berlin.de
|
|
|
|
|
|