Prof. Dr. Baber Johansen
14.04.2026
Prof. Dr. Baber Johansen studierte von 1956 bis 1962 an der Freien Universität Berlin Islamwissenschaft, Soziologie, Wirtschaft und Recht. 1965 schloss er seine Promotion an der Freien Universität Berlin ab und wirkte danach hier als Universitätsassistent, ehe er sich 1972 habilitierte. Anschließend lehrte er bis zum Jahr 1995 als Professor für Islamwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Er verstarb Ende Januar 2026 im Alter von 89 Jahren.
Lesen Sie im Folgenden einen Nachruf des Instituts für Islamwissenschaft der Freien Universität Berlin:
Nachruf Prof. Dr. Baber Johansen
Wir trauern um einen herausragenden Wissenschaftler, dessen Werdegang auf das Engste mit der Freien Universität Berlin verbunden war. Mit seinen bahnbrechenden und wegweisenden Arbeiten zum islamischen Recht in Geschichte und Gegenwart leistete Baber Johansen entscheidende wissenschaftliche Beiträge, welche die Forschung noch lange prägen werden.
Baber Johansen wurde 1936 in Berlin geboren und studierte von 1956 bis 1962 an der Freien Universität Berlin Islamwissenschaft, Soziologie, Wirtschaft und Recht sowie in den Jahren 1961 und 1962 Arabistik und Geschichte in Kairo. 1965 schloss er seine Promotion an der Freien Universität Berlin ab und wirkte danach als Universitätsassistent an unserer Hochschule, ehe er sich ebenfalls dort 1972 habilitierte. Anschließend lehrte er bis zum Jahr 1995 als Professor für Islamwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Baber Johansen war in Hochschulpolitik und akademischer Selbstverwaltung sehr aktiv und fungierte 1978–1979 als stellvertretender Leiter des damaligen Fachbereichs Philosophie und Sozialwissenschaften.
Nach dreißigjährigem Wirken an der Freien Universität Berlin wechselte Baber Johansen 1995 als Directeur d’études an die École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris, wo er sich insbesondere der islamischen Normenlehre widmete. In den Jahren 1993–1994 und 2002–2003 war er als Member am Institute for Advanced Study in Princeton tätig. 2005 folgte er einem Ruf an die Harvard University, wo er für fünfzehn Jahre an der Divinity School als Professor of Islamic Studies lehrte. Ab 2006 war er außerdem als affiliierter Professor an der Harvard Law School aktiv, deren Islamic Legal Studies Program er von 2006 bis 2010 leitete. Ab 2007 wirkte er zusätzlich am Department of Near Eastern Languages and Civilizations. Von 2010 bis 2013 fungierte er als Direktor des Center for Middle Eastern Studies der Harvard University. Ende Januar 2026 verstarb Baber Johansen nach langer Krankheit in den Vereinigten Staaten.
Baber Johansen zählte zu den führenden Experten im Bereich der Erforschung des islamischen Rechts in Geschichte und Gegenwart und publizierte zu diesem Themenbereich zahlreiche wichtige Studien, die bis heute rezipiert werden. Besonderes Gewicht legte er in seiner Forschung auf die Wechselwirkungen zwischen islamischen Rechtsnormen, ethischen Prinzipien und gesellschaftlichen Wandlungsprozessen. Auf die 1967 erschienene Dissertation Muḥammad Ḥusain Haikal: Europa und der Orient im Weltbild eines ägyptischen Liberalen, die sich mit einem wichtigen ägyptischen Vertreter des Panarabismus beschäftigte, folgte unter anderem 1984 das gemeinsam mit seinem Berliner Kollegen Fritz Steppat verfasste Werk Der Islam und die Muslime: Geschichte und religiöse Traditionen, das sich an ein breites Publikum wandte und bis in die 2000er Jahre mehrfach neu aufgelegt wurde. Als besonders bahnbrechend gilt die bis heute vielfach rezipierte Monographie The Islamic Law on Land Tax and Rent: The Peasants' Loss of Property Rights as Interpreted in the Hanafite Legal Literature of the Mamluk and Ottoman Periods (1988, neu publiziert 2017), die zu den ersten Arbeiten gehörte, welche sich dezidiert mit der Wandelbarkeit islamischer Rechtsauffassungen beschäftigten. Der 1999 erschienene Sammelband Contingency in a Sacred Law: Legal and Ethical Norms in the Muslim Fiqh vereint zahlreiche von Baber Johansens kleineren Schriften zur islamischen Rechtgeschichte mit einem Schwerpunkt auf der hanafitischen Rechtsschule und gehört nach wie vor zu den grundlegenden Werken zur Geschichte des Hanafitentums.
Neben seinen eigenen Arbeiten machte sich Baber Johansen als Herausgeber verdient. Er gehörte zu den Gründungsherausgebern der ab 1994 erschienen Zeitschrift Islamic Law and Society, die heute als die führende Fachzeitschrift im Bereich der Erforschung des islamischen Rechts gilt. Darüber hinaus gab Baber Johansen 1996 gemeinsam mit Devin J. Stewart und Amy Singer den Sammelband Law and Society in Islam heraus. Weiterhin wirkte Baber Johansen als Mitherausgeber für islamisches Recht an der Oxford Encyclopedia of Legal History (2009) und als Berater an der Encyclopedia of Law and Society (2009) mit.
Baber Johansens ehemalige Studierende und Kolleg*innen erinnern sich an ihn als einen überaus großzügigen, umsichtigen und engagierten Lehrer und Wissenschaftler, der Generationen von Forschenden auf der ganzen Welt prägte. Sein dreißigjähriges Wirken an der Freien Universität Berlin bleibt ebenso unvergessen wie seine herausragenden wissenschaftlichen Leistungen.
Das Institut für Islamwissenschaft
der Freien Universität Berlin
Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften
