„Es gibt immer einen nächsten Text zu schreiben, ein nächstes Buch”
Rhetorikforscherin, Erstakademikerin, feministische Wissenschaftlerin: Interview mit der Romanistin Anita Traninger, Berliner Wissenschaftspreisträgerin 2025
22.05.2026
Die Verleihung durch den Regierenden Bürgermeister findet am Dienstag, den 30. Juni 2026, im Festsaal des Roten Rathauses statt. Anita Traninger hat maßgeblich zur Konzeption und zum Aufbau des literaturwissenschaftlichen Exzellenzclusters „Temporal Communities: Doing Literature in a Global Perspective“ beigetragen. Das international ausstrahlende Forschungszentrum echo in Berlin hat die Romanistin mit Mitteln aus dem ihr 2023 verliehenen Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis aufgebaut. Die Jury des Berliner Wissenschaftspreises hob die „außergewöhnliche thematische Spannweite ihrer Arbeiten sowie ihre hohe konzeptionelle Innovationskraft“ hervor. Was ihr die Auszeichnung in Zeiten der Sparzwänge bedeutet und wie ihre Herkunft ihr Forschungsgebiet, die Rhetorik, geprägt hat, erklärt die Wissenschaftlerin im Interview.
Frau Professorin Traninger, Sie erhalten für Ihre literaturwissenschaftliche Forschung zur Frühen Neuzeit den Berliner Wissenschaftspreis. Wie haben Sie davon erfahren?
Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Kai Wegner, hat mich persönlich angerufen. Das hat mich sehr gefreut.
Es ist nicht Ihr erster Preis. 2023 haben Sie den Leibniz-Preis erhalten, den wichtigsten deutschen Forschungsförderpreis. Was bedeuten Ihnen diese Ehrungen?
Die Anerkennung meiner wissenschaftlichen Arbeit bedeutet mir natürlich viel. Der Berliner Wissenschaftspreis berührt mich besonders, weil Berlin meine intellektuelle Heimat ist. Ich bin als Österreicherin hier aufgenommen worden und konnte mich wissenschaftlich entfalten. Zudem ist der Preis gerade in der aktuellen Lage ein wichtiges Signal.
Wie meinen Sie das?
Die Freie Universität soll in allen Fach- und Verwaltungsbereichen rund zehn Prozent einsparen. Das trifft auch die Geisteswissenschaften, die an der Freien Universität und in ganz Berlin – sowohl was Drittmittel als auch was internationale Sichtbarkeit angeht – zur Spitze gehören. Dass der Hauptpreis und auch der Nachwuchspreis dieses Jahr an Geisteswissenschaftlerinnen gehen, verstehe ich auch als Signal dafür, dass die Geisteswissenschaften für Berlin ein Profilbereich sind – und es auch in Zukunft bleiben sollen.
Sie sind die Erste in Ihrer Familie, die studiert hat. Fühlt sich die Auszeichnung vor diesem Hintergrund nochmal bedeutender an?
Ich habe es nie als Defizit empfunden, dass meine Familie keinen akademischen Hintergrund hat – im Gegenteil, sie hat mich großartig unterstützt. Die Universität als Institution hat aber in der Tat die Tendenz, sich aus der Gruppe ihrer Absolvent*innen zu reproduzieren. Ich freue mich, wenn der Preis der nächsten Generation von Wissenschaftler*innen aus nicht-akademischen Haushalten signalisiert: Ich bin hier richtig, diesen Weg kann ich auch gehen.
Ihr Forschungsschwerpunkt ist die Rhetorik. Wie verstehen Sie Rhetorik?
Als einen Verbund von Medien und Praktiken, die auf Effektivität gepolt sind und sich aus einer Idee von Lehr- und Lernbarkeit speisen. Unser Zeitalter schränkt Rhetorik oft auf Präsentationskompetenz ein – das ist zu eng.
Wir leben, unter dem Vorzeichen der sogenannten Künstlichen Intelligenz, in einem neuen rhetorischen Zeitalter, in dem effektive Sprachmuster von Maschinen kopiert werden. ,Künstliche Intelligenz‘ ist ein Marketingbegriff, damit an sich schon ein Produkt von Rhetorik. KI beruht auf Large Language Models, die Sprachmuster reproduzieren und damit den Anschein von Intelligenz erwecken. Dass wir ihnen so leicht Glauben schenken, hat damit zu tun, wie Bots programmiert werden: Sie projizieren eine Autorität, die Wahrheit suggeriert, während Halluzinationen produziert werden – das lässt sich in den Kategorien der Rhetorik untersuchen.
Sie haben gesagt, Ihre Herkunft habe Ihre Hinwendung zur Rhetorik geprägt. Inwiefern?
An der Freien Universität haben wir das Lehrprojekt „Understanding University: Die Rhetoriken der deutschen Universität” etabliert. Gemeinsam mit Studierenden denken wir darüber nach, was die Universität häufig so undurchdringlich erscheinen lässt und wie wir dazu beitragen können, dass sie als navigierbares Universum wahrnehmbar wird. Denn das ist sie: eine Welt, die von Regeln geleitet ist, auch wenn diese oft unausgesprochen und informell bleiben. Diese Regeln sind aber verstehbar, nachvollziehbar und erlernbar. Das ist eine Grundhaltung, die wir Studierenden vermitteln möchten. Wir möchten zudem, dass sich die Universität noch stärker diversifiziert und das Anderssein nicht als Defizit begreift. Menschen kommen zu uns aus ganz unterschiedlichen Bildungszusammenhängen, mit ganz unterschiedlichen Biografien. Wir sind viele, und wir sind viele verschiedene, gerade in Berlin.
Die Jury hebt hervor, dass Sie als feministische Wissenschaftlerin die Geschlechterforschung in Berlin geprägt haben. In der Frühen Neuzeit gibt es aber kaum Autorinnen. Wie funktioniert da eine feministische Lektüre?
Ich forsche viel zu frühneuzeitlichen Universitäten und Akademien: Institutionen, die sich über den Ausschluss der Frau definieren. Aber genau darin liegt der Wert einer Gender-Perspektive. Dieser Ausschluss ist ein bemerkenswertes Faktum, das mitgedacht werden muss. Eine Gender-Perspektive ist gerade auch dann fruchtbar, wenn keine Frauen zu beobachten sind. Sie gibt uns Auskunft über das Verhältnis der Geschlechter in bestimmten Kontexten. Zugleich schaue ich sehr bewusst darauf, weiblichen Stimmen in der Forschung den Raum zu geben, der ihnen zusteht: ihre Arbeiten zu zitieren und insgesamt Bibliographien zu diversifizieren.
Seit 2024 leiten Sie das Forschungszentrum echo. Was passiert dort?
echo ist eine Projektplattform, auf der Wissenschaftler*innen unterschiedlicher Karrierestufen über Rhetorik als Medienphänomen nachdenken. Einige Personen konnten wir über die Mittel aus dem Leibniz-Preis anstellen, viele andere kommen mit eigenen Mitteln dazu, dazu internationale Gäste.
Gemeinsam beschäftigen wir uns mit der Rhetorik als Medienpraxis, wobei es uns oft darum geht, aktuelle Phänomene in ihrer historischen Gewordenheit zu untersuchen. Die Liste der Projekte wächst ständig, von den Wurzeln der Redefreiheit bis zu den Sozialen Medien und KI ist alles dabei.
Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus?
Ich bin dankbar, dass ich jetzt Luft zum Atmen habe, um zu schreiben und Gasteinladungen wahrzunehmen, für die in den vergangenen Jahren oft keine Zeit war. Es gibt immer einen nächsten Text zu schreiben, ein nächstes Buch – und im echo ergeben sich laufend neue Themen und Perspektiven. Diese Berliner Rhetorikforschung wird mich über die nächsten Jahre gut beschäftigen.
Die Fragen stellte Christopher Ferner

