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Wie politisch ist deine Liebe?

Das philosophische X-Tutorial „Liebe, Freundschaft, Revolution?”, ein studentisches Forschungsseminar an der Freien Universität Berlin, untersucht gesellschaftlichen Wandel „als Beziehungsfrage“

12.02.2026

Die Philosophie-Studierenden Clara Bittner Solis (l.) und L.A. Evans haben das X-Tutorial entwickelt und führen es durch. Sie fragen: Wie politisch wirksam können Liebesbeziehungen, Partnerschaften oder Freundschaften sein?

Die Philosophie-Studierenden Clara Bittner Solis (l.) und L.A. Evans haben das X-Tutorial entwickelt und führen es durch. Sie fragen: Wie politisch wirksam können Liebesbeziehungen, Partnerschaften oder Freundschaften sein?
Bildquelle: Mascha Herbold / Brugger

Dass das Private auch politisch sei und das Politische privat, ist seit der zweiten Welle der Frauenbewegung Ende der 1960er Jahre ein Gemeinplatz. Aber es wird selten ausbuchstabiert, was das konkret und im Detail für die romantische Liebe oder für die Freundschaft bedeuten könnte.

Welche Formen der Beziehung sind so politisch, dass sie die Gesellschaft verändern können? Gibt es am Ende sogar so etwas wie revolutionäre Liebe? Das philosophische X-Tutorial „Liebe, Freundschaft, Revolution? Gesellschaftlicher Wandel als Beziehungsfrage“ von L.A. Evans und Clara Bittner Solis an der Freien Universität – ein studentisches Forschungsprojekt im Rahmen der Berlin University Alliance – versucht, die Frage zu beantworten, was an Liebesbeziehungen, Partnerschaften oder Freundschaften wirklich politisch wirksam ist.

Was an Liebesbeziehungen ist politisch?

Die Liebe, eros, und die Freundschaft, philia, waren in der Antike ein Hauptthema der Philosophie; in der akademischen Disziplin sind sie heute eher randständig. Warum ist das so? Welche Liebes-Beziehungen sind politisch im emphatischen Sinne? Wie steht es um queere Liebe: Ist sie per Definition widerständig, gar revolutionär? 

L.A. Evans und Clara Bittner Solis studieren Philosophie an der Freien Universität, sie haben das studentische Forschungsprojekt als X-Tutorial konzipiert und sich bei der Berlin University Alliance (BUA) – dem Exzellenzverbund aus Freier Universität Berlin, Humboldt-Universität zu Berlin, Technischer Universität Berlin und Charité-Universitätsmedizin Berlin – damit beworben.

Der Ausgangspunkt war, so erklärt es L.A. Evans, ein dreifaches Interesse: Sowohl philosophisch, als auch politisch und persönlich fragten sich die beiden, ob es so etwas wie politische Freundschaft gebe? Und wenn man schon dabei ist: Was an Liebesbeziehungen ist politisch? Gibt es romantische Affekte, die widerständiger sind als andere? Die politische Sprengkraft in sich tragen, vielleicht sogar revolutionär wirken? Von Aristoteles’ Begriff der Bürgerfreundschaft kann man das gewiss nicht behaupten.

Ist Queerness grundsätzlich widerständig?

„Wir wollten uns philosophisch und interdisziplinär mit der Frage von Liebe und Freundschaft auseinandersetzen“, sagt Clara Bittner Solis, „weil uns schien, dass das Thema heute zwar popkulturell die ganze Zeit bearbeitet wird, aber in einer ernsthaften akademisch-philosophischen Auseinandersetzung unterrepräsentiert ist. Obwohl ja die Liebe, wenn man in die Antike schaut, ein zentrales philosophisches Thema war. Und zugleich ein Thema ist, das uns politisch und gesellschaftlich alle gleichermaßen berührt: Jeder Mensch – ob Handwerker*in oder Studierende – weiß von der Liebe.”

Im Fokus des ersten Halbjahrs des X-Tutorials stand die Frage, welche Arten der Liebe politische Effekte entfalten. Ausgehend von Texten zeitgenössischer feministischer Philosophie wie in bell hooks Schriften, in Audre Lordes „Uses of the Erotic” oder Federica Gregorattos „Love Troubles: A Philosophy of Eros”, aber auch im Rückgriff auf Erich Fromms „Die Kunst des Liebens” diskutierte das Tutorial, ob etwa Queerness an sich widerständig sei.

Clara Bittner Solis sagt: „Die Antwort hängt wesentlich davon ab, wie man Queerness definiert. Wenn queer zu sein, eine politische Praxis und Haltung ist, dann sind queere Beziehungen per se widerständig: weil sie sich per Definition Formen der Institutionalisierung entziehen und ihnen damit Widerstand entgegensetzen.”

Es reicht nicht, sich abstrakten Zielen zu verschreiben

L.A. Evans ergänzt: „Es gibt allerdings Beispiele für die paradoxe Entwicklung einiger ursprünglich queerer Bewegungen, die eine derart große Anpassung an existierende gesellschaftliche Verhältnisse durchlaufen haben, dass sie sich zwar selbst noch als queer verstehen, aber eigentlich ziemlich heteronormativen Logiken gehorchen.” Ein Beispiel: Wenn Queerness oder queere Rechte instrumentalisiert werden, um damit islamfeindliche oder rassistische Ziele zu verfolgen. Von widerständiger Politik könne dann nicht mehr die Rede sein.

Wie kommt es nun, dass progressive politische Bewegungen, wie manche Achtundsechziger-Gruppen, auf der Paarbeziehungsebene und bezüglich des Geschlechterverhältnisses teils so konventionell und althergebracht blieben?

Clara Bittner Solis sagt: „Weil es nicht reicht, wenn politische Akteur*innen sich abstrakten Zielen verschreiben, sei es die Abschaffung des Patriarchats oder was auch immer: Es kommt darauf an, dass sie die Gesellschaft und sich selbst dadurch verändern, dass sie Räume schaffen für Beziehungen, die genau das schon umsetzen. Dann wird Politik praktisch, anstatt abstrakten Begriffen nachzuhängen. Das können Liebesbeziehungen sein, es kann aber auch ein kollektives Sich-Umeinander-Kümmern sein, von dem etwa Sophie Lewis spricht.”

Das sind nur einige Aspekte des Forschungsprojekts „Liebe, Freundschaft, Revolution?”. Wessen Interesse geweckt wurde, kann auf das „Zine” gespannt sein, das den kollektiven Forschungsstand veröffentlicht. Es erscheint – wie passend! – am Valentinstag.