Krimi im Klassenzimmer
Ein neues Seminar bringt Chemie-Studierende an Berliner Schulen. Dort zeigen sie mit ungewöhnlichen Experimenten, wie spannend ihr Fach ist und warum sich ein Chemiestudium lohnt
24.03.2026
Die Chemie-Botschafterinnen Mai Thu Pham (links) und Antonia Gorbulina bereiten sich auf die Experimente mit Schüler*innen des Max-Planck-Gymnasiums vor.
Bildquelle: Marion Kuka
Wie begeistert man junge Menschen für Chemie? Indem man Studierende selbst in die Klassenzimmer schickt, lautet die Antwort am Fachbereich Biologie, Chemie, Pharmazie der Freien Universität Berlin. Die promovierte Chemikerin Allison Berger berichtet, wie das Seminar „Botschafter*innen für das Chemiestudium“ entstanden ist, wie der erste Durchgang lief und warum es so spannend wie eine Tatortfolge ist.
Frau Berger, wie und warum sind Sie auf die Idee für das Seminar gekommen?
Die Studienanfängerzahlen in der Chemie sinken, nicht nur in Berlin, sondern bundesweit. Deshalb wollen wir Schüler*innen die attraktiven Seiten der Chemie näherbringen, das Fach wieder sichtbarer machen.
Dr. Allison Ann Berger ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Beate Koksch am Institut für Chemie und Biochemie.
Bildquelle: Bernd Wannenmacher
Seit zweieinhalb Jahren koordiniere ich Praktika für Schüler*innen der 9. Klasse am Institut für Chemie und Biochemie der Freien Universität. Außerdem vermitteln wir regelmäßig Professor*innen, die Vorträge zum Chemiestudium an Schulen halten. Das funktioniert gut – allerdings haben sie neben Lehre und Forschung wenig Zeit für solche Termine, und wir erreichen nur wenige Schulen.
Also haben wir überlegt, wie wir die Ausbildung von Studierenden mit der Präsenz in Schulen verknüpfen können. Vor allem wollten wir Zehntklässler*innen ansprechen, bevor sie ihre Leistungskurse wählen.
Benjamin Pölloth, der seit einem Jahr Professor für Didaktik der Chemie bei uns ist, hat von einem Programm an der Universität Tübingen erzählt – dort heißt es MINT‑Studienbotschafter und wird von der Doktorandin Anna Haab koordiniert. Wir haben uns mit ihr getroffen und durften das Tübinger Konzept übernehmen. Kern des Konzepts sind spannende Stories und Experimente, um die Rätsel darin zu lösen – etwa: Wer war der Mörder? Wie kann man einen Giftanschlag verhindern?
Gemeinsam mit Katharina Kuse vom NatLab der Freien Universität haben Benjamin Pölloth und ich ein Seminar-Modul dazu ausgearbeitet. Im Wintersemester 2025/2026 haben 13 Studierende aus Bachelor- und Masterstudiengängen der Chemie an unserem ersten Seminar teilgenommen.
Das Modul lohnt sich auch für sie: Sie üben Bildungsarbeit und Wissenschaftskommunikation, indem sie mit Schüler*innen Experimente durchführen. Außerdem reflektieren sie über ihre Studienerfahrungen und Berufsaussichten. Und erhalten zweieinhalb Leistungspunkte für ihr Studium.
Und wie läuft das Modul ab?
Zu Beginn bekommen die Studierenden durch eine Lehrveranstaltung von Professor Pölloth Einblicke in die Thematik und entwickeln eine eigene Präsentation: Wer sind sie, warum haben sie sich für Chemie entschieden, und was begeistert sie an ihrem Studium?
Anschließend geht es in die praktische Vorbereitung der Experimente. Dank der Materialien von Anna Haab – inklusive detaillierter Versuchsbeschreibungen und Unterrichtsplänen – hatten wir eine sehr gute Grundlage. Die Studierenden trafen sich mehrmals im NatLab, um die Experimente einzuüben, bis sie sich sicher genug fühlten, sie selbst anzuleiten. In dieser Phase war das Engagement und Know-How von Katharina Kuse unentbehrlich.
Um die Schulbesuche zu organisieren, habe ich Lehrkräfte aus meinem bestehenden Netzwerk angeschrieben. Das Interesse war groß genug, um für jedes Team zwei Schulbesuche zu organisieren.
Was haben die Studierenden dann in den Schulen gemacht?
Jedes Team hat sich einen von fünf Versuchen ausgesucht, etwa Textilien mit Naturfarben färben oder ein kriminologisch angelegtes Experiment, bei dem Schüler*innen Blutspuren auf einem Turnschuh und einem Handschuh nachweisen und den Tathergang rekonstruieren. Oder ein Szenario mit einem Giftanschlag, bei dem die Klasse mögliche Stoffe eingrenzt – die Lösung war Kupfersulfat, das im zweiten Schritt aus dem „Trinkwasser“ ausgefällt, also als fester Stoff sichtbar gemacht, wurde, um es unschädlich zu machen.
Im zweiten Teil haben sie ihr Studium vorgestellt: Aufbau, Inhalte, typische Wochenabläufe und Besonderheiten an der Freien Universität. Das funktioniert deshalb sehr gut, weil sie selbst noch mitten im Studium stehen und authentisch, lustig und offen über ihren Studienalltag sprechen. Dadurch entsteht eine Nähe, und mit den Botschafter*innen als Vorbild wirkt das Studium für die Schüler*innen plötzlich greifbarer.
Die Botschafter*innen haben das wirklich souverän gemeistert. Anfangs mussten einige noch lernen, im Klassenzimmer laut und deutlich genug zu sprechen – das wollen wir künftig gezielt trainieren.
„Es ist eine tolle Erfahrung, wenn Schüler*innen die Möglichkeit haben, Experimente zu machen, die von Studierenden betreut werden und von diesen direkt zu erfahren, was das Chemiestudium an der FU ausmacht. Noch schöner ist es, wenn die Studierenden ehemalige Schüler*innen der Schule sind!“Steen Friedemann, Chemie Lehrer am Lilienthal-Gymnasium
„Nicht nur die Schüler und Schülerinnen, sondern auch wir Botschafter hatten jede Menge Spaß!“
Imad Chahrour, Masterstudent der Chemie
Eine Blitzumfrage unter den Schüler*innen brachte einige Vorurteile über das Chemiestudium ans Licht.
Bildquelle: Marion Kuka
Wie war die Resonanz?
Die Schulbesuche kamen durchweg gut an. Ich habe alle Termine begleitet und konnte mir ein genaues Bild machen. Die Schüler*innen haben meist sehr gut mitgearbeitet; Störungen gab es kaum. Am besten lief es, wenn wir die Experimente zuerst durchgeführt und erst danach Informationen zum Chemiestudium gegeben haben. Nach dem Praxisteil waren die Klassen konzentrierter und stellten tiefergehende Fragen.
Wir hatten auch den Eindruck, dass im Chemieunterricht der Unterstufe nicht so viel experimentiert wird. Aber gerade das macht natürlich am meisten Spaß und schafft Begeisterung für das Fach.
Im nächsten Durchgang wollen wir eine Vorher-Nachher-Befragung durchführen, um die Wirkung zu messen. Ob wir tatsächlich einzelne Schüler*innen für ein Chemiestudium an der Freien Universität gewinnen, lässt sich natürlich nicht nachprüfen – aber wir hoffen es!
Die Fragen stellte Marion Kuka
Weitere Informationen
Das Seminar findet im Wintersemester 2026/2027 wieder statt.
- Kontakt: Dr. Allison Berger, E-Mail: aberger@chemie.fu-berlin.de










