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„Ich bin viel zu oft noch immer der Mann im Rollstuhl“

Der Inklusionsaktivist Raúl Krauthausen hat einen Vortrag an der Freien Universität Berlin gehalten

05.02.2026

Inklusionsaktivist Raúl Krauthausen setzt sich seit mehr als 20 Jahren für die Belange von Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen ein.

Inklusionsaktivist Raúl Krauthausen setzt sich seit mehr als 20 Jahren für die Belange von Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen ein.
Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Raúl Krauthausen war Gast im Rahmen eines Schwerpunkts der Stabsstelle Diversity und Antidiskriminierung.

Wenn Raúl Krauthausen in einen Raum kommt, sehen die Menschen meist zuerst den Rollstuhl. Dabei trägt der Inklusionsaktivist ein unverwechselbares Markenzeichen: eine Schiebermütze. „Erst wenn ich der Mann mit der Mütze bin, höre ich auf, mich für Inklusion einzusetzen“, erklärt er zu Beginn seines Vortrags an der Freien Universität Berlin. Mit dieser persönlichen Beobachtung eröffnet der Gründer der gemeinnützigen Organisation Sozialhelden eine unbequeme Bestandsaufnahme: Warum bleibt Inklusion trotz jahrelanger Diskussionen ein uneingelöstes Versprechen?

Inklusion als Konflikt, nicht als Harmonie

An diesem sonnigen Donnerstagnachmittag ist der Hörsaal 1 gut gefüllt. Krauthausens Auftritt bildet den Abschluss des Diversity-Schwerpunkts „Behinderung, chronische und/oder psychische Erkrankung und gesundheitliche Beeinträchtigung“, den die Stabsstelle Diversity und Antidiskriminierung im Wintersemester organisiert hat. Doch statt wissenschaftlicher Definitionen wählt Krauthausen einen anderen Zugang. Er zitiert den Schulpsychotherapeuten seiner Grundschule: „Inklusion ist die Annahme und die Bewältigung von menschlicher Vielfalt.“

Der Rechtswissenschaftler Olaf Muthorst ist an der Freien Universität Beauftragter für Studierende mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen.

Der Rechtswissenschaftler Olaf Muthorst ist an der Freien Universität Beauftragter für Studierende mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen.
Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Das Wort „Bewältigung“ ist für ihn zentral. Inklusion bedeute nicht Harmonie, sondern Konflikt, Reibung, Streit. Nur so könnten tragfähige Kompromisse ausgehandelt werden. Außerdem sei Inklusion kein Endzustand, sondern ein fortlaufender Prozess. „Was wir heute mit Inklusion für Menschen mit Behinderung vor allem diskutieren, wird in 20 Jahren vielleicht viel stärker intersektional sein“, prognostiziert Krauthausen. „Da reden wir vielleicht über queere Menschen mit Behinderung.“

Die Universität als elitärer Raum

Dann richtet Krauthausen den Blick auf die Institution, in der er spricht. Die Universität gelte oft als besonders inklusiver Raum, sagt er. Doch schon der Zugang sei elitär. „Wer kein Abitur hat, bleibt draußen. Das schließt sehr, sehr viele Menschen aus.“  Seine Kritik trifft einen wunden Punkt: Wie inklusiv kann ein System sein, das strukturell auf Ausgrenzung basiert?

Selbst die räumliche Gestaltung spiegelt diese Ausgrenzung wider. „Hier im Hörsaal: Es gibt ein paar Rolliplätze. Die Rolliplätze haben nie einen Tisch“, bemerkt er. „Welche Architektin hat entschieden, dass es keinen Bedarf nach Tischen gibt, wenn man im Rollstuhl sitzt?“ 

Wenn Aufklärung zur Ersatzhandlung wird

Besonders kritisch setzt sich Krauthausen mit einer der beliebtesten Floskeln der Inklusionsdebatte auseinander. „Wer hat schon mal gehört: Wir müssen die Barrieren in den Köpfen senken?“ Viele Hände gehen hoch. Krauthausen gibt zu, den Satz selbst lange verwendet zu haben. Heute hält er ihn für unfair und bequem. Unfair, weil er pauschal unterstelle, nichtbehinderte Menschen trügen Vorurteile in sich. Bequem, weil er suggeriere, Probleme ließen sich durch Aufklärung allein lösen.

Rebecca Mak, Leiterin der Stabsstelle Diversity und Antidiskriminierung, hat mit ihrem Team den thematischen Schwerpunkt organisiert.

Rebecca Mak, Leiterin der Stabsstelle Diversity und Antidiskriminierung, hat mit ihrem Team den thematischen Schwerpunkt organisiert.
Bildquelle: Bernd Wannenmacher

„Ich bin nicht mehr davon überzeugt, dass es die Barrieren im Kopf senkt, wenn es noch so viele Vorträge gibt in Hörsälen, wo behinderte Menschen über Behinderung reden“, sagt er. Die Informationen seien verfügbar – auf YouTube, TikTok, in Podcasts. „Wie oft sollen noch behinderte Menschen gegen Barrieren in den Köpfen anreden?“

Was stattdessen fehle, seien Begegnungen. Räume, in denen Menschen mit und ohne Behinderung selbstverständlich zusammenkommen. Schulen könnten solche Räume sein. Doch dort beginne oft die Trennung. Wenn Eltern ihr Kind mit Behinderung in eine Kita oder Schule bringen, dauere es nicht lange, bis eine Fachkraft sage: „Für Kinder mit Behinderung sind wir hier nicht ausgebildet.“

Die Logik der Sondereinrichtungen

Die Konsequenz dieser Haltung: Nur speziell qualifizierte Mitarbeitende dürften mit Kindern mit Behinderung arbeiten. Das Ergebnis seien Förderschulen, Sonderfahrdienste, Werkstätten. „Das ist das Gegenteil von Inklusion“, konstatiert Krauthausen. „Die Mehrheitsgesellschaft glaubt, in diesen Sondereinrichtungen ist alles besser: viele behinderte Kinder, hochspezialisiertes Personal.“

Für Krauthausen ist diese Logik vorgeschoben. „Eltern mit behinderten Kindern hatten auch vorher keine Ausbildung. Menschen mit Behinderung hatten vorher auch keine Ausbildung. Die machen learning by doing.“ Die Forderung nach Spezialisierung entpuppt sich in seiner Analyse als Mechanismus der Ausgrenzung.

Mehrere Anlaufstellen stellten sich vor. Hier Katrin Fischer von der Beratungsstelle für Studierende mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen im Gespräch.

Mehrere Anlaufstellen stellten sich vor. Hier Katrin Fischer von der Beratungsstelle für Studierende mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen im Gespräch.
Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Auch das Wort „Teilhabe“, das in der Inklusionsdebatte häufig fällt, kritisiert Krauthausen. „Mir ist das zu passiv. Teilhabe ist das, was wir machen, wenn wir konsumieren.“ Seine Vision geht weiter: Menschen mit Behinderung gehören auf Bühnen, auf Podeste – und zwar nicht nur, um über Inklusion zu sprechen. „Vielleicht auch über Atomphysik, Iran, was auch immer.“

Politische Hebel und Quoten

Wie kommt die Gesellschaft dorthin? Krauthausens Vorschlag lautet: raus aus der Sonderzone, rein in den Mainstream. „Wir müssen behinderte Menschen auf andere Bühnen bringen, ohne diese Worte dafür: Inklusion, Teilhabe, für alle.“

Damit das gelingt, brauche es politische Hebel – und Geld. „Quoten sind leider einer der wenigen Hebel, die funktionieren“, sagt er pragmatisch. Und es brauche Subventionen, damit Barrieren nicht als Zusatzkosten hängenbleiben. Seine Forderungen sind konkret, nicht idealistisch. Sie zielen auf strukturelle Veränderung, nicht auf individuelle Bewusstseinsbildung.

Behinderung als Ressource

Gegen Ende schlägt Krauthausen einen Perspektivwechsel vor. Behinderung werde gesellschaftlich oft als Defizit betrachtet. Er verweist auf das Buch „The Power of Disability“ und nennt Kräfte, die aus seiner Sicht darin liegen können.

Resilienz entstehe, weil viele im Alltag ständig Plan B denken müssten. „Was mache ich, wenn ein Aufzug kaputt ist? Was mache ich, wenn mein Rollstuhl kaputtgeht?“ Aus dieser Routine, Probleme lösen zu müssen, wachse Erfindungsreichtum – Fähigkeiten, die nicht nur individuell, sondern auch gesellschaftlich nützlich seien.

Wer Inklusion will, muss laut Krauthausen also weniger über Haltung reden und mehr über Zugänge, Macht und Strukturen. Und man muss aushalten, dass Begegnung nicht immer angenehm ist – dass Veränderung Konflikte braucht und gute Absichten nicht reichen, wenn Systeme Ausgrenzung fortschreiben. Erst dann wird Raúl Krauthausen zum „Mann mit der Mütze“.

Weitere Informationen

Beratungsstelle für Studierende mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen

An der Freien Universität Berlin unterstützt eine Beratungsstelle Studierende mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen. Das Angebot besteht für Studieninteressierte und -bewerber*innen sowie Studierende, auch Austausch- und Promotionsstudierende. Beraten wird zur Planung und Gestaltung des Studiums, zu Nachteilsausgleichen sowie zu technischen Hilfsmitteln und Studienassistenz.

Der Anteil von Studierenden mit studienerschwerenden Beeinträchtigungen ist an der Freien Universität mit rund 26 Prozent deutlich höher als an anderen Hochschulen – in Berlin 21 Prozent – und als im bundesdeutschen Durchschnitt, der 16 Prozent beträgt.

Das Angebot der Beratungsstelle wird sehr gut angenommen. So stieg die Zahl der Anfragen von 2021 bis 2024 um 62 Prozent. Der Beauftragte für Studierende mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen, Olaf Muthorst, und das Team der Beratungsstelle setzen sich dafür ein, dass sich die bauliche und technische Barrierefreiheit an der Freien Universität verbessert. Hier finden Sie den Jahresbericht Studium barrierefrei 2024/25.

Zu finden ist die Beratungsstelle in der Iltisstraße 1 am U-Bahnhof Dahlem-Dorf (U3), 14195 Berlin, Kontakt: beratung-barrierefrei@zuv.fu-berlin.de 

Fokus Naturwissenschaften

Ein Hilfsangebot für Schüler*innen mit Interesse an Naturwissenschaften bietet das Schülerlabor NatLab. „NATürlich mit dir!“ ist ein Projekt für alle, die sich für ein Studium der Naturwissenschaften an der Freien Universität Berlin interessieren, sich jedoch unsicher sind, ob und inwiefern dies mit einer physischen oder psychischen Beeinträchtigung, Schwerbehinderung oder chronischen Erkrankung möglich ist.

Kontakt: natuerlich.mit.dir@natlab.fu-berlin.de