„Universität und Politik waren noch nie getrennte Sphären“
Blick in die Geschichte: Wie politisch ist Universität? Ein Beitrag des Historikers Marian Füssel
29.05.2026
Die Universität war in ihrer langen Geschichte immer politisch. Universität und Politik als getrennte Sphären zu begreifen, wie es Max Weber am Beginn des 20. Jahrhunderts tat, erweist sich mehr als Anspruch, denn als historischer Befund. Insofern ist die Rede von der Politisierung der Universität zumindest dann irreführend, wenn sie als neue Erscheinung begriffen wird.
Vielmehr muss die Beziehung zwischen Universität und Politik in ihrer historischen Entwicklung betrachtet werden. Als privilegierter Personenverband waren Universitäten von Anfang an politische Institutionen, auch wenn ihre akademische Freiheit in der ständischen Gesellschaft der Vormoderne die Freiheiten der Privilegien meinte. Sie waren ebenso Instrumente der Politik, wie ihre innere Organisation und Machtkämpfe politisch waren.
In der Frühen Neuzeit wurden Universitäten allmählich zu Staatsanstalten. Fürsten gründeten Universitäten im Prozess der frühmodernen Staatsbildung sowohl zur Ausbildung eigener Funktionseliten von Theologen, Juristen und Medizinern als auch aus Prestigegründen.
Seit dem 19. Jahrhundert politisierten sich die Studierenden im Sinne moderner politischer Lager von konservativ bis liberal, von rechts bis links. Hörsäle wurden nun immer öfter zu symbolisch aufgeladenen Foren politischer Auseinandersetzungen. Seit der Paulskirchenverfassung von 1849 (Paragraf 152 besagt: Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei.) wurde der Anspruch auf Wissenschaftsfreiheit immer wieder zum Politikum.
Im 20. Jahrhundert als dem Zeitalter totalitärer Regime waren die Universitäten keine Inseln unpolitischer „reiner Wissenschaft“, sondern gerade das Gegenteil, wie insbesondere ihre aktive Rolle im deutschen Nationalsozialismus zeigt. Die Studierenden agierten in der Mehrheit bis in die 1960er Jahre politisch konservativ, erst die 68er-Bewegung brachte einen nachhaltigen Wandel der politischen Einstellung.
Auch gegenwärtig steht die Universität sowohl unter dem Druck populistischer und autoritärer Kräfte wie innerer Hegemoniekämpfe um die Grenzen politischer Artikulation. Der öffentliche Raum der Universität ist und darf heute so politisch sein wie jeder andere öffentliche Raum auch. Das heißt jedoch nicht, dass dieser Raum keine rechtlichen Regeln der Auseinandersetzung kennt, deren Existenz selbst eine historische Errungenschaft ist.

