Emotionen sind keine Privatsache
In der dritten und letzten Förderphase richtet der SFB „Affective Societies“ den Blick auf emotionale Dynamiken gegenwärtiger gesellschaftlicher Konflikte / 22. April, 18 Uhr: Start der Reihe „Legacy Sessions“
22.04.2026
Ob in aufgeheizten Debatten über Migration, bei militärischen Eskalationen oder in einer zunehmend polarisierten Öffentlichkeit – Emotionen wie Wut, Angst oder Hoffnung sind allgegenwärtig. Sie wirken nicht nur im Inneren von Menschen, sondern prägen auch das Miteinander.
Emotionen als soziale Dynamik
Hier setzt der Sonderforschungsbereich (SFB) 1171 „Affective Societies“ an. Seine zentrale Annahme: Affekte wie Emotionen, Stimmungen oder Gefühle sind ein gegenseitiges Wirkungsgeschehen und von Grund auf sozial. „Sie entstehen zwischen Akteur*innen und treiben gesellschaftliche Dynamiken an“, sagt Markus Lange, Geschäftsleiter und Vorstandsmitglied des Forschungsverbunds. Seit 2015 untersuchen Forschende aus mehr als zehn Disziplinen gemeinsam diese Zusammenhänge – von Soziologie und Philosophie über Literatur- und Theaterwissenschaft bis zur Sozial- und Kulturanthropologie.
In der dritten und letzten Förderphase (2023–2027) richten sie den Blick besonders auf die emotionalen Dynamiken gegenwärtiger Konflikte. Dabei zeigt sich, wie tragfähig der Ansatz des Sonderforschungsbereichs ist. „Es ist für uns selbst erstaunlich, wie die Polykrisen der Gegenwart unsere anfänglichen Bestandsaufnahmen eingeholt und teilweise sogar überholt haben“, sagt Lange. Von Emotionen angetriebene Entwicklungen, die die Forschenden zunächst theoretisch beschrieben hatten, haben sich in der Realität zugespitzt. „Wir konnten kaum so düster denken, wie es gekommen ist“, sagt er mit Blick auf etwa Kriege oder den Aufstieg rechtspopulistischer Bewegungen.
Wie stark kollektive Emotionen Gesellschaften verändern, zeigte sich bereits früh. Als der SFB startete, war die öffentliche Stimmung rund um die Migrationsbewegungen von Hilfsbereitschaft geprägt. „Doch die Stimmung kippte in Teilen der Gesellschaft: Aus Unterstützung wurden Ressentiments, teilweise offener Hass“, so Lange.
Wessen Gefühle zählen?
Ab 2023 rückte eine Frage in den Mittelpunkt: Was passiert, wenn Emotionen selbst zum Gegenstand gesellschaftlicher Auseinandersetzungen werden? „Es geht darum, welche Gefühle als angemessen oder legitim gelten“, sagt Lange. Das zeige sich etwa in Debatten rund um den Gaza-Krieg, in denen darüber gestritten werde, wessen Trauer, Wut oder Empörung angemessen sei – und wessen nicht.
„Auch Gisèle Pelicot hat eine Debatte über Emotionen ausgelöst“, erläutert Lange. Als sie sagte, die Scham müsse die Seite wechseln, forderte sie, die Emotion im Kontext von sexueller Gewalt neu zuzuordnen: Nicht die Opfer, sondern die Täter sollten sich schämen.
Solche Verschiebungen untersuchen Forschende des Projektteams von Margreth Lünenborg, Professorin am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft. Sie analysieren in den sozialen Medien unter anderem die #MeToo-Bewegung und Anti-Abtreibungsbewegungen in den USA. Ergebnis: Die Diskussionen sortieren sich entlang von Gefühlen. „Mit Netzwerkanalysen können sie zeigen, wie sich affektive Cluster bildeten“, sagt Lange. Auf den Plattformen entstanden klare Lager – auf der einen Seite gab es Solidarität und Unterstützung, auf der anderen Ablehnung, Wut oder Hass. Diese emotionalen Frontlinien prägen bis heute den gesellschaftlichen Diskurs.
Unfeeling und die Grenzen kollektiver Reaktion
Auch im Umgang mit der Klimakrise spielen Emotionen eine zentrale Rolle. In mehreren Teilprojekten untersucht der SFB, wie Menschen darauf reagieren – und was sie zum Handeln bewegt. Dabei traten Verbindungen zwischen Religiosität und Engagement zutage. „Religiöse Deutungen, etwa die Vorstellung, die Schöpfung bewahren zu müssen, führten zu mehr Engagement“, so Lange.
Gleichzeitig bleiben erwartbare Reaktionen aus. „Trotz der Dringlichkeit des Klimawandels entsteht nicht immer die kollektive Empörung oder Angst, die man potenziell erwarten könnte“, sagt Lange. Die Forschenden sprechen von „Unfeeling“.
Kurz vor Beginn des letzten Forschungsjahres ist die Arbeit noch nicht abgeschlossen. „Wir sind mittendrin“, sagt Lange. Projekte laufen weiter, neue Fragen kommen hinzu. In diesem Jahr öffnet sich der Forschungsverbund mit einem Fellowship-Programm stärker international und lädt insbesondere Forschende aus dem globalen Süden ein.
Die wesentliche Erkenntnis lautet: Gesellschaften lassen sich nicht ohne Emotionen verstehen. Und möglicherweise reicht es nicht, sie nur zu analysieren. „Für stabile und resiliente Formen des Zusammenlebens braucht es Empathie, Zuversicht und Solidarität“, sagt Markus Lange. Wie sich diese stärken lassen, könnte eine der zentralen Fragen zukünftiger Forschung werden.
Weitere Informationen
Gefühle im Fokus: „Legacy Sessions“ öffnen Forschung für die Öffentlichkeit
Der Sonderforschungsbereich „Affective Societies“ lädt alle Interessierten mit den „Legacy Sessions“ zu einer Veranstaltungsreihe über Affekte in der globalen Gegenwart ein. Beteiligt sind nicht nur Forschende und ehemalige Projektmitarbeitende, sondern auch Menschen aus den untersuchten gesellschaftlichen Bereichen. Sie blicken auf zentrale Forschungsergebnisse zurück, geben Einblicke in laufende Projekte und diskutieren künftige Entwicklungen. Die Sitzungen sind mehrheitlich als offene Podiumsdiskussionen und nicht als klassische Vorträge angelegt.
Den Auftakt bildet eine philosophische Sitzung zum Thema „Neuer Faschismus“, in der erörtert wird, welche Rolle Gefühle bei der Verbreitung faschistischer Tendenzen spielen. Ziel ist ein direkter Austausch zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit. Im Anschluss an jede Sitzung besteht bei einem Get-together Gelegenheit zum Gespräch.
Zeit und Ort:
- mittwochs von 18 bis 20 Uhr (Start: 22. April 2026)
- Raum J 32/102, Habelschwerdter Allee 45, 14195 Berlin.

