„Geschichte wird weltweit wieder zu einer Streitfrage“
Wissenschaftsfreiheit unter Druck: Historiker*innen der Freien Universität berichten, welchen Einfluss die aktuelle Politik auf ihre Forschung und Lehre hat
10.02.2026
Warschau am 1. Januar 1943, nicht weit entfernt vom Warschauer Ghetto. Die Aufnahme von Walter Hollnagel vermittelt Alltagsleben mitten im Krieg.
Bildquelle: picture alliance / ZB | Eisenbahnstiftung
Der Umgang mit der Forschungsarbeit von Grzegorz Rossoliński-Liebe, Privatdozent am Friedrich-Meinecke-Institut für Geschichtswissenschaft der Freien Universität, sorgt derzeit für Diskussion. Der Historiker hat sich in seiner als Buch veröffentlichten Habilitationsschrift mit der Kollaboration polnischer Bürgermeister mit den Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg auseinandergesetzt. Dafür wird er als Wissenschaftler und auch persönlich angefeindet. Die geplante Veranstaltung „Polnische Bürgermeister und der Holocaust. Besatzung, Verwaltung und Kollaboration“ in der „Topographie des Terrors“ in Berlin, zunächst offenbar auch auf Druck der polnischen Regierung verschoben, findet nun am 3. März 2026 um 19 Uhr statt. In einem offenen Brief unterstützen Kolleg*innen die wissenschaftliche Arbeit des Historikers und wehren sich gegen Angriffe auf die Wissenschaftsfreiheit.
Das ist wichtig
Vor dem Hintergrund des aktuellen Falles warnen Historikerinnen und Historiker der Freien Universität vor einer politischen Einflussnahme auf die Geschichtswissenschaften und unterstreichen gleichzeitig die Notwendigkeit kontroverser Debatten. Wissenschaftsfreiheit – frei forschen und lehren zu können – ist im Grundgesetz in Artikel 5, Absatz 3 verankert.
Freiheit zum Diskurs, Freiheit zum Streit
Geschichtswissenschaft, sagt der Historiker Paul Nolte, sei immer zweierlei: empirische Forschung und Herstellung eines Narrativs. „Die empirische Arbeit, die Quellenrecherche, wird in einen politischen und moralischen Deutungsrahmen gestellt“, sagt er. „Diese Deutungen müssen zur Diskussion gestellt werden können – auch im politischen Raum.“ Geschichte werde so regelmäßig zum Gegenstand öffentlicher und politischer Kontroversen.
Paul Nolte ist Professor für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte am Friedrich-Meinecke-Institut für Geschichtswissenschaft der Freien Universität. Intensive Debatten über die Geschichte des Holocaust, berichtet er, habe es in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland viele gegeben. „Die Spur zieht sich vom Historikerstreit der 1980er Jahre über die Goldhagen-Debatte der 1990er Jahre bis hin zu jüngsten Kontroversen in Hinblick auf den Israel-Palästina-Konflikt.“
Die Positionierung und das intensive Ringen in politisch-moralischen Deutungskämpfen ist für Nolte unverzichtbarer Bestandteil der historischen Arbeit. Wissenschaftsfreiheit, betont er, bedeute nicht Immunität vor Kritik. „Es geht vor allem um eine Freiheit zum Diskurs“, sagt Nolte. „Eine Freiheit zum Streit, solange er zivilisiert und mit Argumenten geführt wird.“
Doch wo liegen die Grenzen dieses institutionalisierten Streits? Viele Historikerinnen und Historiker haben die Sorge, dass der Diskurs um die Vergangenheit heute zunehmend politisch instrumentalisiert wird.
„Der russische Staat verfolgt sehr genau, was in den deutschen Geschichtswissenschaften passiert“
„Gerade die Geschichte Osteuropas und der ehemaligen Sowjetunion ist derzeit ein heiß umkämpftes Feld“, sagt Robert Kindler, Professor für die Geschichte Ost- und Ostmitteleuropas am Osteuropa-Institut der Freien Universität. „Welche Ausmaße dies annehmen kann, sehen wir derzeit in der Ukraine, wo die russische Seite ihren Angriffskrieg mit einer bestimmten Geschichtsinterpretation zu legitimieren sucht.“
Das Klima werde in geschichtspolitischen Fragen dabei auch in Deutschland spürbar rauer. „Natürlich sind wir als Historikerinnen und Historiker aufgefordert, zu aktuellen Geschichtsdiskussionen Stellung zu beziehen“, sagt er. „Wer sich aber öffentlich aus der Deckung wagt, ist schnell heftigen Angriffen ausgesetzt.“
Eine neue Qualität habe die Auseinandersetzung vor allem durch die zunehmende Einmischung ausländischer staatlicher Akteure gewonnen. „Der russische Staat verfolgt sehr genau, was in den deutschen Geschichtswissenschaften passiert“, sagt Robert Kindler. „Inzwischen ist es auch so, dass einzelne Personen oder Organisation aufgrund unliebsamer Forschung als ausländische Agenten oder extremistische Vereinigungen eingestuft werden, so wie jüngst etwa die Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde. Für Betroffene ist das oft mit erheblichen Einschränkungen verbunden.“
„In Europa, den USA, aber auch in China und Japan brechen gerade alte geschichtspolitische Konflikte wieder auf.“
Es sei weltweit zu beobachten, dass die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit an Brisanz gewinne, sagt Sebastian Conrad, Professor für Neuere Geschichte und Globalgeschichte am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität. „Man könnte meinen, dass die Relevanz von Fragen über die Kolonialzeit, den Zweiten Weltkrieg oder den Holocaust nachlässt, je weiter die Geschichte zurückliegt“, sagt er. „Aber das Gegenteil ist der Fall: In Europa, den USA, aber auch in China und Japan brechen gerade alte geschichtspolitische Konflikte wieder auf.“
Der Diskurs werde dabei vor allem von nationalistischen und rechtsextremen politischen Akteuren befeuert. Aber nicht nur: „Beunruhigend ist, dass in den letzten Jahren – wie jetzt auch im Fall des abgesagten Vortrags von Rossoliński-Liebe – auch deutsche Institutionen nicht davor zurückschrecken, kontroverse wissenschaftliche Positionen zu zensieren.“
Zustimmung und Polemik ersetzen ausgewogene Argumente
Seine Kollegin Anna Karla, Juniorprofessorin für Europäische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, beobachtet, dass gesellschaftliche Reizthemen – etwa die Verantwortung für den Holocaust und Kolonialverbrechen – von Akteuren aus dem rechten Spektrum gezielt aufgegriffen würden, um Aufmerksamkeit zu generieren. „Ausgewogene Argumente und differenzierte Betrachtung werden dabei ersetzt durch Zuspitzung und Polemik“, sagt die Historikerin. „Am Ende stehen dann persönliche Angriffe und Diffamierung.“
Sorge vor erinnerungspolitischer Wende
In Deutschland habe in den vergangenen Jahren eine deutliche Verschiebung des gesellschaftlichen Diskurses nach rechts stattgefunden, sagt Alina Bothe. Die promovierte Historikerin betreibt historische Grundlagenforschung zur Geschichte des Holocausts, die über Ausstellungen oder Internetplattformen stark in die Öffentlichkeit wirkt. Sie leitet zwei Forschungsprojekte am Selma Stern Zentrum für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg, an dem auch die Freie Universität beteiligt ist.
Der Bildatlas „#LastSeen: Bilder der NS-Deportationen“ etwa hat innerhalb von drei Jahren mehr als 100.000 Menschen erreicht und wurde 2024 mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Eine von Alina Bothe kuratierte Wanderausstellung über die Verhaftung und Deportation von 16 000 polnischen Jüdinnen und Juden durch die Nationalsozialisten war seit 2022 in mehreren deutschen Städten zu sehen. „Heute denkt man bei öffentlichen Projekten sehr viel intensiver über Vandalismus nach“, sagt Bothe. „Man muss sich fragen, welche Veranstaltungen man sicher durchführen kann."
Insbesondere auf die anstehenden Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt blickt Alina Bothe mit Sorge. „Die AfD ist eine in Teilen rechtsextreme Partei“, sagt sie. „Sollte sie auf Länderebene in die Regierung gelangen, ist zu befürchten, dass sie eine erinnerungspolitische Wende anstrebt.“
Den wissenschaftlichen Diskurs vor äußeren Eingriffen schützen
Ein Einfallstor könnte etwa die Umgestaltung von Lehrplänen sein. „Rahmenlehrpläne werden in Deutschland auf Länderebene verabschiedet. Dafür genügen einfache Verwaltungsakte“, sagt Martin Lücke, Professor für Didaktik der Geschichte und Queer History am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität. „Da gibt es keine parlamentarische Mitsprache und auch keine öffentliche Anhörung.“
Was und wie im Geschichtsunterricht zur Sprache kommt, könnte so unkompliziert und schnell geändert werden. „Auf diese Weise könnte etwa die Mitverantwortung der deutschen Bevölkerung am Holocaust relativiert werden“, sagt Lücke. „Die Geschichte von Geschlechterverhältnissen oder Migrationsbewegungen könnte aus dem Lehrplan gestrichen werden.“
Derartige Vorgänge seien in den USA zu beobachten. „Auf Druck der Trump-Regierung haben Universitäten und Fachzeitschriften bereits begonnen, Themen wie Migration und sexuelle Vielfalt von der Forschungsagenda zu streichen“, sagt Lücke. „Kolleginnen und Kollegen an US-amerikanischen Universitäten haben mir berichtet, dass sie inzwischen Audioaufnahmen von ihren Lehrveranstaltungen anfertigen für den Fall, dass sie sich einmal für ihre Lehre verteidigen müssen.“
Wie kann die Freiheit von Forschung und Lehre für die Zukunft geschützt werden? „Es gilt, den wissenschaftlichen Diskurs vor äußeren Eingriffen zu schützen, und gleichzeitig die innere Pluralität des Diskurses sicherzustellen“, sagt Robert Kindler. „In beide Richtungen müssen wir uns heute verstärkt anstrengen. Dazu gehört, dass wir uns nicht in die Polemik der medialen Diskussion hineinbegeben. Dazu gehört aber auch, dass wir Positionen anhören und aushalten, selbst wenn sie für uns schwierig sein mögen. Wenn man anfängt, sich Gedanken zu machen, ob man eine bestimmte Person nicht mehr in eine Diskussionsrunde einlädt, weil das eventuell zu politischen Konflikten führen könnte, läuft etwas falsch.“







