„Es wird geschossen, um zu töten.“
Eine Analyse der Situation im Iran: Interview mit dem Konfliktforscher Jannis Julien Grimm / „Iran in Bewegung“: Veranstaltung am 19. Februar, 18 Uhr
03.02.2026
Am 19. Februar 2026 um 18 Uhr findet die Diskussionsveranstaltung Iran in Bewegung statt: im Seminarzentrum (L 113), Otto-von-Simson-Straße 26, 14195 Berlin, mit Dr. Tareq Sydiq, Prof. Dr. Naika Foroutan und Dr. Azadeh Zamirirad. Weitere Infos unten.
Bildquelle: Anne-Sophie Schmidt
Im Iran hat das autoritär geführte Regime um den Obersten Führer Ali Chamenei die Proteste der Bevölkerung gegen die Regierung brutal niedergeschlagen. Die Opferzahlen bezeichnet Dr. Jannis Grimm als „historisch beispiellos“. Im Interview analysiert der Konfliktforscher von der Freien Universität Berlin die aktuelle Situation.
Warum ist das wichtig?
Jannis Grimm erläutert, wie die Konfliktforschung arbeitet und welche politischen Einschätzungen sich daraus ergeben. Er antwortet auf die Fragen: Was wissen wir – und was nicht? Welche Vergleiche mit vergangenen Ereignissen lassen sich ziehen? Was lernen wir daraus für den aktuellen Konflikt?
Zur Expertise des Wissenschaftlers
Dr. Jannis Grimm ist Konfliktforscher an der Freien Universität Berlin. Er forscht zum Zusammenhang von staatlicher Gewalt und Protest sowie den Dynamiken revolutionärer Bewegungen und sozialer Transformationsprozesse insbesondere in Nordafrika sowie im Nahen und Mittleren Osten. Jannis Grimm leitet die Forschungsgruppe „Radikale Räume / Radical Spaces“ am Zentrum für interdisziplinäre Friedens- und Konfliktforschung.
Herr Grimm, was hören Sie zurzeit aus dem Iran?
Ich erforsche seit 15 Jahren Massengewalt im Kontext von Protestbewegungen und habe vieles gesehen, aber die Unterdrückung der jüngsten Proteste im Iran stellt das meiste davon in den Schatten.
Zwar ergibt sich aus den öffentlich zugänglichen Informationen bisher kein ganz klares Bild, weil sie schwer verifizierbar sind, aber die Dimension der Menschenrechtsverbrechen wird immer deutlicher. Es liegt nahe, dass es sich dabei auch um Verbrechen gegen die Menschlichkeit handelt.
Auf welche Quellen stützen Sie sich?
Als eine der belastbareren zivilgesellschaftlichen Quellen gilt vielen Beobachter*innen die HRANA (Human Rights Activists News Agency), eine in den USA ansässige Nichtregierungsorganisation, die sich für die Verteidigung von Menschenrechten im Iran einsetzt und ein großes Netzwerk an Ehrenamtlichen unterhält. Sie versucht fortlaufend, die gemeldeten Todesfälle über lokale Netzwerke, Namen, Ortshinweise und vorhandene Belege zu verifizieren.
In der aggregierten HRANA-Zählung von Tag 36 der Proteste werden 6.842 Tote als bestätigt ausgewiesen, hinzukommen 11.280 Fälle, die noch „unter Untersuchung” stehen. Ähnlich hoch sind die Verletztenzahlen, was besonders beachtlich ist: Denn normalerweise werden selbst beim Einsatz von scharfer Munition gegen Demonstrierende deutlich mehr Menschen verwundet als getötet, das wissen wir aus früheren Fällen. Dass im Iran nun das Verhältnis von Toten und Verletzten etwa gleichauf ist, lässt darauf schließen, dass hier gezielt geschossen wird, um zu töten.
Das heißt, wir wissen zwar vieles noch nicht. Aber allein das, was wir wissen, und die bestätigten und eher konservativ zu verstehenden Opferzahlen liegen in einem Bereich, der historisch beispiellos ist.
Zum Vergleich: Für das Rabaa-Massaker in Kairo am 14. August 2013, das ich in meiner früheren Forschung untersucht habe, dokumentiert Human Rights Watch mindestens 817 Tote und ordnet es als eines der größten Massentötungsereignisse an Protestierenden der jüngeren Geschichte ein.
Für den Soweto-Aufstand wird in der Aufarbeitung der südafrikanischen Truth Commission eine Größenordnung von rund 575 Toten genannt. Und selbst die Schätzungen zum Tiananmen-Massaker liegen deutlich unter dem, was wir aktuell im Iran sehen.
Das heißt: Schon jetzt sprechen wir mit hoher Wahrscheinlichkeit über eines der größten staatlichen Massengewalt-Ereignisse gegen Protestierende außerhalb eines Kriegskontextes in der modernen Geschichte der Menschheit.
Was sagen die Zahlen beziehungsweise ihr Fehlen außerdem aus?
Die große Unsicherheit, die bleibt, ist kein Zufall, sondern Teil der Repressionsarchitektur: Der anhaltende Kommunikations- und Internet-Blackout behindert eine unabhängige Dokumentation, den Abgleich und die Recherche massiv. Und das macht wiederum die Einordnung so schwer.
Neben den Zahlen gibt es Bilder.
Das ist die zweite Ebene: Bilder aus Leichenschauhäusern, Berichte von Hinterbliebenen und Überlebenden, Folter, Hinweise auf verschwundene Körper, hastige Bestattungen und Druck auf medizinisches Personal erzeugen eine Form von Evidenz, die sich dem rein Statistischen entzieht. Iranisches medizinisches Personal und Beschäftigte in forensischen Einrichtungen beschreiben genau diese Kombination aus massiver Gewalt und gleichzeitiger Kontrolle über Sichtbarkeit und Spuren.
Dass sich dabei Parallelen zu anderen Massakern, wie dem zuvor genannten Rabaa Massaker, aufdrängen, ist klar: Die dokumentierte Brutalität sowie die Bilder von überfüllten Leichenhallen sind grauenvoll und lassen auf eine völlige Enthemmung des Repressionsapparats schließen.
Kann extreme Repression Proteste langfristig unterdrücken – oder führt sie vielmehr zu neuen Formen des Widerstands?
Extreme Repression kann Protest zunächst sehr effektiv brechen, gerade dann, wenn sie in kurzer Zeit mit hoher Intensität eingesetzt wird, wenn sie Organisationsinfrastruktur zerstört, Schlüsselpersonen wegsperrt, Angst als Alltagsgefühl verankert und Kommunikation kappt. Berichte über Massenfestnahmen, Incommunicado-Haft und informelle Haftorte deuten auf genau diese Logik beim Vorgehen der iranischen Behörden hin.
In diesem Sinn kann der Staat kurzfristig „Ruhe” herstellen, zumindest auf der Straße und in sichtbaren Protestformaten. Man sollte die Macht von enthemmter Staatsgewalt nicht unterschätzen.
Langfristig ist die Wirkung jedoch ambivalent, weil Repression nicht nur Kosten erhöht, sondern auch politische Erfahrungen erzeugt, die sich in Biografien, Familien, Nachbarschaften und Berufsgruppen einschreiben. Häufig führt das nicht zu einem linearen „Ende”, sondern zu einem Formwandel von Widerstand: Es gibt weniger Massenkundgebungen, dafür mehr Dezentralisierung, mehr kurzfristige und schwer planbare Mobilisierung, mehr Verlagerung in Arbeitskämpfe, Boykotte, Alltagsverweigerung und in die transnationale Arena. Der anhaltende Internet-Blackout verstärkt diese Verschiebung zusätzlich, weil er die öffentliche Koordination erschwert und zugleich neue Umgehungspraktiken hervorbringt. Gleichzeitig wird die Dokumentation der Gewalt selbst zu einer zentralen Praxis des Widerstands.
Zugleich kann massive Gewalt Bewegungen spalten, weil die Frage, was „noch möglich” ist, innerhalb der Gesellschaft unter extremem Risiko neu verhandelt wird. In manchen Konstellationen stabilisiert Repression ein Regime über Jahre, in anderen produziert sie eine tiefe Delegitimierung, die sich später in neuen Wellen entlädt – das haben wir auch bei den jetzigen Protesten gesehen, die historisch an die Massenmobilisierungen um die Ermordung von Jina Mahsa Amini im September 2022 anknüpfen.
Was lässt sich aus anderen Konflikten über Protestzyklen nach massiver Repression lernen?
Erstens ist der Rückgang sichtbarer Proteste nach einem Massaker kein zuverlässiger Indikator für Stabilität. Er kann genauso gut eine Phase von Trauer, Reorganisation und erzwungener Unsichtbarkeit sein, weil die offene Mobilisierung zu gefährlich wird. Ägypten ist hierfür ein prägnanter Referenzfall: Die gewaltsame Niederschlagung von Protest war so einschneidend, dass sie einen Protestzyklus abrupt beendete. Zugleich produzierte die staatliche Gewalt eine dauerhafte, institutionalisierte autokratische Ordnung, die bis heute anhält.
Zweitens zeigt der historische Vergleich, dass Momente solch enthemmter Repression die gesamte Logik von staatlicher Governance verschieben: Machthaber müssen die Gewalt schließlich irgendwie rechtfertigen und binden sich dabei immer stärker an Sicherheitsnarrative, die ihren Handlungsspielraum im Umgang mit Opposition einengen. Zum anderen bauen viele Regime nach solchen Momenten ihre Repressionsinfrastruktur noch weiter aus. Das ist teuer, politisch riskant und macht Herrschaft abhängig von Sicherheitsapparaten.
Drittens lernen wir aus vielen Fällen aber auch, dass Protestwellen häufig über neue Trigger zurückkehren, weil Repression Ursachen selten beseitigt. Wenn sich der Möglichkeitshorizont der Menschen einmal so entscheidend erweitert hat, dass sie den Status Quo nicht mehr als gottgegeben oder unveränderbar annehmen, ist der Geist aus der Flasche und lässt sich auch nicht mehr gewaltsam zurückdrängen.
Die Folge sind fortwährende Auseinandersetzungen, vor allem, wenn wirtschaftliche Not, massive Ungleichheit und Legitimationsverlust fortbestehen. Der Staat kann Protest dann zwar immer wieder gewaltsam niederhalten, aber er muss dafür dauerhaft eskalieren. Und damit steigt die Wahrscheinlichkeit von Rissen innerhalb der Herrschaftskoalition, von internationalem Druck oder unkontrollierbaren Folgeeffekten.
Wie ist Ihre Einschätzung der Situation im Iran?
Die zentrale analytische Frage ist aus meiner Sicht weniger, ob die Proteste kurzfristig unterdrückt werden können. Es geht vielmehr darum, welche gesellschaftlichen Milieus, Berufsgruppen und lokalen Netzwerke trotz Gewalt und Informationssperre als Träger*innen von Erinnerung, Solidarität und zukünftiger Mobilisierung handlungsfähig bleiben. Und welche Formen von Politik sich unter den Bedingungen maximaler Repression überhaupt noch artikulieren können.
Die Fragen stellte Annika Middeldorf / Redaktion: Christine Boldt
Weitere Informationen
Veranstaltungshinweis „Iran in Bewegung“
Zeit und Ort
- 19. Februar 2026, 18 Uhr
- Seminarzentrum (L 113), Otto-von-Simson-Straße 26, 14195 Berlin
Auf dem Podium
Dr. Tareq Sydiq ist Protestforscher am Zentrum für Konfliktforschung der Universität Marburg. Dort leitet er das „AFPRO“ Projekt zu Protesten in Afghanistan und koordiniert das BMBF-Projekt "Postcolonial Hierarchies in Peace & Conflict". Er hat zur iranischen Innenpolitik promoviert und beschäftigt sich weltweit mit Protestbewegungen, unter anderem im Iran, in Japan, Pakistan und England. Sein Buch „Die neue Protestkultur“ in 2024 im Hanser Verlag erschienen.
Prof. Dr. Naika Foroutan ist Professorin für Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik, Gründungsmitglied des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) und Leiterin sowie Gründungsvorstand des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM). Zu ihren Schwerpunkten gehören Migration und Integration, Islam- und Muslimbilder in Deutschland, Identität und Hybridität sowie politischer Islam und gesellschaftliche Transformation von Einwanderungsländern. 2025 erhielt sie die Ehrendoktorwürde der Universität Lund und wurde mit der Caroline von Humboldt-Professur ausgezeichnet.
Dr. Azadeh Zamirirad ist stellvertretende Leiterin der Forschungsgruppe Naher und Mittlerer Osten und Afrika an der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. Sie berät Bundesregierung, Bundestag und europäische Entscheidungsträger. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen auf autoritären Regimen und Elitedynamiken in Iran, Irans Außen- und Sicherheitspolitik, dem Nuklearprogramm sowie Irans strategischer Orientierung gegenüber dem Osten. Sie ist promovierte Politikwissenschaftlerin und war an der Universität Potsdam als Dozentin tätig.
Organisation: Dr. Jannis Julien Grimm

