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Auf zwei Rädern eine Stadt verändern

10.04.2026

Filmemacher Ingwar Perowanowitsch zeigt in seinem Dokumentarfilm, was die schönsten Fahrradstädte Europas auszeichnet und lebenswert macht. Seit dem 13. Dezember 2025 läuft der Film frei auf YouTube.

Filmemacher Ingwar Perowanowitsch zeigt in seinem Dokumentarfilm, was die schönsten Fahrradstädte Europas auszeichnet und lebenswert macht. Seit dem 13. Dezember 2025 läuft der Film frei auf YouTube.
Bildquelle: Marion Kuka

Die Stabsstelle Nachhaltigkeit und Energie lud ein zu einer Filmvorführung und Diskussion mit dem Filmemacher und Journalisten Ingwar Perowanowitsch.

Ingwar Perowanowitsch war zwei Monate lang mit dem Fahrrad in Europa unterwegs. Seine Reise begann in Freiburg und führte ihn – mit Kamera im Gepäck – unter anderem nach Paris, Gent, Amsterdam, Utrecht, Groningen, Hamburg und Kopenhagen. Dabei ging er der Frage nach, warum diese Städte als besonders lebenswert gelten, welche Maßnahmen dahinterstehen und was deutsche Kommunen von ihnen lernen können. Für seinen Film „Cycling Cities“ (auch zu sehen auf YouTube) sprach er mit Planer*innen, politischen Entscheidungsträger*innen und Initiativen.

Er habe neue Geschichten des Gelingens erzählen wollen, sagt er. Diese auf einer Tour durch Deutschland an immer neuen Orten zu zeigen, mache ihm großen Spaß. Die Vorführung an der Freien Universität sei jedoch etwas Besonderes, hier in der Bibliothek sei die erste Idee für den Film entstanden. Ingwar Perowanowitsch hatte damals ein Masterstudium begonnen, es dann aber abgebrochen: „Ich habe ganz unterschiedliche Dinge ausprobiert und bin beim Filmen hängengeblieben.“

„Freie Fahrt für freie Bürger“ – aber für welche? Der Film “Cycling Cities” zeigt in vielen Bildern, wie sich Mobilität und Lebensqualität ergänzen können.

„Freie Fahrt für freie Bürger“ – aber für welche? Der Film “Cycling Cities” zeigt in vielen Bildern, wie sich Mobilität und Lebensqualität ergänzen können.
Bildquelle: aus dem Film Cycling Cities

Am Beispiel Paris etwa zeigt sein Film, wie schnell man in einer Metropole Straßen für den Radverkehr umbauen kann. In Utrecht, der fahrradfreundlichsten Stadt Europas, sieht man viele Menschen auf Fahrradbrücken, die Wohngebiete direkt mit dem Zentrum verbinden. Perowanowitschs Fazit: Wer den öffentlichen Raum konsequent neu gestaltet, kann die Lebensqualität für alle Bürger*innen deutlich verbessern. Dafür sind nicht Geld oder Platz entscheidend, sondern der politische Wille.

Janet Wagner, verantwortlich für das Projekt FUturRad bei der Stabsstelle Nachhaltigkeit und Energie der Freien Universität, moderierte die anschließende Diskussion. Auf dem Podium saßen neben dem Filmemacher auch Urban Aykal, Bezirksstadtrat für Ordnung, Umwelt- und Naturschutz, Straßen und Grünflächen und Mitglied Bündnis 90 / DIE GRÜNEN, Paula Kleeberg, Mobilitätsmanagerin im Straßen- und Grünflächenamt des Bezirks Steglitz-Zehlendorf, und Andreas Wanke, der die Stabsstelle Nachhaltigkeit an der Freien Universität leitet. Es ging um Radwege im Bezirk Steglitz-Zehlendorf und darum, wie künftig weitere fahrradfreundliche Infrastruktur befördert werden kann.

Mehr Radwege für Steglitz-Zehlendorf

Der Radweg in der Thielallee werde gerade fertiggestellt, berichtet Bezirksstadtrat Urban Aykal erfreut. Jedoch sieht er noch viele Lücken im Radewege-Netz des Bezirks, die er so schnell wie möglich schließen möchte. Das biete Vorteile für alle, denn weniger Autoverkehr bedeute mehr Sicherheit, weniger Lärm, bessere Luft und mehr Aufenthaltsqualität in der Stadt.

Paula Kleeberg wies darauf hin, dass auch Verkehrsteilnehmer*innen wie die Berliner Stadtreinigung und Lieferfahrzeuge in die Planung einbezogen werden müssten. Der Mobilitätsrat sei ein guter Weg, mit allen Beteiligten zusammenzuarbeiten.

Großes Engagement der Zivilgesellschaft

„Gar nicht so schlecht, aber längst nicht das, was es sein könnte“, so schätzte Ingwar Perowanowitsch die Fahrradinfrastruktur in Steglitz-Zehlendorf ein. Viele Radwege seien zu schmal, holprig und veraltet. Und in Berlin gebe es Straßen, die kämen einem Verbot zum Fahrradfahren gleich. „Dabei ist hier genug Platz, um schöne Radwege zu bauen.“ Das seien tief hängende Früchte, die man ohne großen Aufwand ernten könne. Optimistisch stimme ihn auch das Engagement der Zivilgesellschaft, etwa von Vereinen wie dem ADFC oder Changing Cities. 

Andreas Wanke haben die Beispiele aus dem Film sehr beeindruckt. „Man muss Mut haben und Tempo machen“, sagt er. Auf dem Campus der Freien Universität habe sich mit den Fördermitteln aus dem Programm FUturRad schon enorm viel verbessert. Und seinen täglichen Arbeitsweg von Schöneberg nach Dahlem mit dem Fahrrad könne er inzwischen richtig genießen. „Auf Berlinebene erleben wir eher visionslose Politik im Bereich Mobilität, in einzelnen Bezirken hingegen erlebt man schrittweise gute Fortschritte“, betont er.

Maßnahmen unaufgeregt umsetzen

Von lauten Minderheiten, die gegen solche Veränderungen protestieren, dürfe man sich nicht einschüchtern lassen, sagt der Filmemacher und Aktivist. Stattdessen müsse man die stille Mehrheit aktivieren und Maßnahmen unaufgeregt umsetzen. „Wenn die Effekte erlebbar sind, werden solche Maßnahmen in der Regel schnell akzeptiert und nicht wieder rückgängig gemacht“, das habe er von vielen Verantwortlichen aus fahrradfreundlich umgebauten Städten gehört. Man müsse ja nicht mit Zwang und Verboten arbeiten. Seiner Erfahrung nach reiche es aus, den öffentlichen Raum umzuverteilen, um damit die Wahlfreiheit bei den Verkehrsmitteln überhaupt erst herzustellen.