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International Day of Women and Girls in Science: Was muss sich ändern?

Petra Knaus, Judith Meinschaefer und Corinna Tomberger über die Gleichstellung von Frauen in der Wissenschaft

09.02.2026

Was muss sich ändern? Prof. Dr. Petra Knaus, Prof. Dr. Judith Meinschaefer und Dr. Corinna Tomberger (v.l.n.r.) zum Internationalen Tag der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft.

Was muss sich ändern? Prof. Dr. Petra Knaus, Prof. Dr. Judith Meinschaefer und Dr. Corinna Tomberger (v.l.n.r.) zum Internationalen Tag der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft.
Bildquelle: Bernd Wannenmacher / privat

Am 11. Februar ist Internationaler Tag der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft. campus.leben hat drei erfahrene Wissenschaftlerinnen gefragt, was sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten für Frauen in der Wissenschaft geändert hat und was sich dringend noch ändern muss. 

„Oft fehlt das Entscheidende: Frauen wirklich zuzuhören.“

Prof. Dr. Petra Knaus ist Professorin für Biochemie mit Spezialisierung auf Signaltransduktion am Institut für Chemie und Biochemie. Seit Juni 2022 ist als Vizepräsidentin der Freien Universität unter anderem für Forschung zuständig.

Prof. Dr. Petra Knaus ist Professorin für Biochemie mit Spezialisierung auf Signaltransduktion am Institut für Chemie und Biochemie. Seit Juni 2022 ist als Vizepräsidentin der Freien Universität unter anderem für Forschung zuständig.
Bildquelle: Bernd Wannemacher

Es hat sich viel bewegt: Frauen sind sichtbarer geworden, Netzwerke sind gewachsen, und Themen wie Gleichstellung werden heute offen angesprochen. Und doch fehlt oft das Entscheidende: Frauen wirklich zuzuhören. Nicht nur symbolisch, sondern mit echtem Interesse an ihren Ideen, Fragen und Visionen.

Wir müssen den Mut haben, andere Formen von Stärke anzuerkennen. Viele weibliche Visionen sind nicht von „schneller, höher, weiter“ geprägt, sondern von Transformation, Nachhaltigkeit und Verantwortung. Diese Perspektiven werden noch zu selten gehört – auch weil Entscheidungsräume weiterhin stark männlich dominiert sind und Unsicherheit entsteht, wenn Frauen zu deutlich werden.

Warum ist Zuhören so zentral? Weil viele kluge, weise und innovative Ideen derzeit von Frauen kommen - ihnen aber oft nicht einmal die Gelegenheit gegeben wird, sie auszusprechen. Geschichte zeigt uns, wie viel wir dadurch verlieren. Wissenschaftlerinnen wie Lise Meitner, Rosalyn Franklin oder Lynn Margulis wurden übergangen oder belächelt, obwohl ihre Erkenntnisse unser heutiges Verständnis von Physik und Biologie grundlegend geprägt haben.

Meine aktuelle Forschung zur Plazenta ist für mich ein starkes Sinnbild. Dieses Organ ermöglicht neues Leben, weil der menschliche Körper im Laufe der Evolution etwas zunächst Fremdes nutzbar gemacht hat: genetische Elemente aus Viren, sogenannte Transposons, die in unser Genom integriert und „domestiziert“ wurden. Erst dadurch konnte sich die Plazenta in der Form entwickeln, die das Heranwachsen eines Kindes im Körper einer Frau ermöglicht. Dieses Prinzip – Fremdes nicht abzuwehren, sondern klug zu integrieren – steht für mich sinnbildlich für Fortschritt. Und doch ist die Plazenta bis heute eines der am wenigsten erforschten Organe. Das sagt viel darüber aus, welche Themen wir priorisieren – und welche Perspektiven wir lange übersehen haben.

In den letzten Jahren habe ich ein internationales Netzwerk von Wissenschaftlerinnen aufgebaut, die für dieses Thema brennen – unabhängig von Karrierestufe oder Titel. Hier zählt jede Stimme. Diese Zusammenarbeit ist für mich zutiefst inspirierend, weil sie zeigt, wie viel Kraft entsteht, wenn wir uns zuhören, uns gegenseitig stärken und gemeinsam neue Wege gehen.

Petra Knaus

„Wir brauchen gender-blinde Auswahl- und Beurteilungsverfahren“

Prof. Dr. Judith Meinschaefer ist Professorin für Galloromanische Sprachwissenschaft am Institut für Romanische Philologie der Freien Universität.

Prof. Dr. Judith Meinschaefer ist Professorin für Galloromanische Sprachwissenschaft am Institut für Romanische Philologie der Freien Universität.
Bildquelle: privat

Eine Bestandsaufnahme in den Geisteswissenschaften ergibt: In Deutschland stellen Frauen auf Studierenden-Ebene weit mehr als zwei Drittel. Mit jeder weiteren Stufe sinkt ihr Anteil: 2024 lag der Frauenanteil an Promotionen bei etwas mehr als 50 Prozent, 2023 bei Habilitationen betrug noch knapp über 40 Prozent. Dem entspricht der Anteil von Frauen an den hauptberuflichen Professuren, doch in der höchsten Besoldungsgruppe liegt er deutlich darunter.

Neben strukturellen Bedingungen spielen unbewusste Verzerrungen in Beurteilungs- und Auswahlprozessen hierfür eine große Rolle. Ein Beispiel für solche Gender Biases kommt aus der Stimmwahrnehmung: Tiefer klingende, als „maskuliner“ wahrgenommene Stimmen werden in Experimenten als kompetenter beurteilt – bei und von Männern wie Frauen. Kontrollierte Studien zu Lehrevaluationen belegen, dass Lehrende je nach zugeschriebenem Geschlecht unterschiedlich bewertet werden – zum Nachteil von Frauen, auch bei gleicher Unterrichtsqualität. Selbst für unbewusste Prozesse des Sprachverstehens lassen sich Effekte von Gender Biases nachweisen, z.B. in Blickbewegung-Studien.

Was folgt daraus? Wir brauchen gender-blinde Auswahl- und Beurteilungsverfahren, eine Karriereförderung, die nicht auf persönlicher Empfehlung basiert und eine wissenschaftliche Qualitätskontrolle, die Qualität über Prestige stellt. Die Herausforderungen der modernen Welt sind so komplex, dass wir auf kein Talent verzichten können.

Judith Meinschaefer

„Der Strukturabbau darf nicht dazu führen, dass die Freie Universität in der Gleichstellung zurückfällt.“

Dr. Corinna Tomberger ist Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte der Freien Universität Berlin und Sprecherin der Landeskonferenz der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten der Berliner Hochschulen.

Dr. Corinna Tomberger ist Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte der Freien Universität Berlin und Sprecherin der Landeskonferenz der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten der Berliner Hochschulen.
Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Die Freie Universität Berlin zieht überdurchschnittlich viele weibliche Studierende an, über 60 Prozent sind Frauen (2024). Unter den Absolvent*innen ist der Frauenanteil noch höher, rund zwei Drittel. Mit zunehmender Qualifikationsstufe geht der Frauenanteil allerdings deutlich zurück. Bereits mit der Promotionsphase setzt die sogenannte Leaky Pipeline ein. Besonders eklatant ist der Rückgang nach der Promotion. Auf dem Weg zur Professur scheiden überproportional viele Frauen aus dem Wissenschaftssystem aus. Auf der höchsten professoralen Besoldungsstufe sind sie mit nur mehr 34 Prozent vertreten. Dieses Phänomen kennzeichnet den deutschen Wissenschaftsbetrieb insgesamt. Immerhin hat die Freie Universität im Vergleich zu 2018 sichtbare Fortschritte gemacht.

Gleichstellung aktiv zu fördern ist keine Kann-Option, sondern grundgesetzlicher Auftrag. Nicht nur in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Disziplinen ist da noch einiges zu tun. Was kann helfen, mehr Frauen an der Freien Universität und in der Wissenschaft zu halten? Dafür müssen wissenschaftliche Karrierewege attraktiver und planbarer werden. Ein Hebel sind nachhaltige Frauenförderinstrumente. Sie neu aufzusetzen ist ein wichtiges Desiderat für die Freie Universität. In Zeiten von Kürzungen und Spardruck ist das nicht leicht, aber umso wichtiger. Der Strukturabbau darf nicht dazu führen, dass die Freie Universität in der Gleichstellung zurückfällt.

Corinna Tomberger

Die große Schere: In höheren Qualifikationsstufen ist der Frauenanteil immer noch niedrig.

Die große Schere: In höheren Qualifikationsstufen ist der Frauenanteil immer noch niedrig.
Bildquelle: FU Berlin / Stand der Gleichstellung an der FU Berlin, Bericht der zentralen Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten 2024