Springe direkt zu Inhalt

Interview mit Jill Lepore: „Die Wissenschaft hat den Aufstieg des ,Artificial State‘ seit Jahrhunderten vorhergesagt – und ebenso seinen Niedergang“

12. Februar, 18.30 Uhr: Die US-amerikanische Historikerin Jill Lepore hält an der Freien Universität Berlin die diesjährige Hegel-Lecture des Dahlem Humanities Center. Ihr Thema: der wachsende Einfluss von Maschinen auf die Politik

10.02.2026

Die renommierte Harvard-Professorin Jill Lepore hält an der Freien Universität Berlin die Hegel Lecture 2026 des Dahlem Humanities Center.

Die renommierte Harvard-Professorin Jill Lepore hält an der Freien Universität Berlin die Hegel Lecture 2026 des Dahlem Humanities Center.
Bildquelle:  © jlepore.scholars.harvard.edu/photos

Jill Lepore, David Woods Kemper ’41 Professor of American History an der Harvard University und Professor of Law an der Harvard Law School, interessiert sich für die Schnittstelle von Technologie und Politik. Sie zeigt, wie Maschinen zunehmend die Politik prägen und den „Artificial State“ formen. Mit visuellen Beispielen skizziert sie den Aufstieg der Automatisierung, analysiert deren Folgen und prognostiziert den Niedergang. Im Gespräch mit campus.leben gibt sie einen Ausblick auf den Vortrag an der Freien Universität Berlin. 

Die Hegel Lecture 2026 wird mit einem Grußwort der Vizepräsidentin der Freien Universität Berlin, Professorin Verena Blechinger-Talcott, eröffnet. Die Einführung übernimmt der Historiker Professor Sebastian Jobs vom John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien der Freien Universität Berlin.
Die Veranstaltung findet in englischer Sprache statt. Wir bitten um Anmeldung bis zum 12. Februar 2026.
Zeit und Ort: 12. Februar, Beginn 18.30 Uhr, Freie Universität Berlin, Hörsaal 1a, Rost- und Silberlaube, Habelschwerdter Allee 45, 14195 Berlin

Frau Professorin Lepore, worum wird es in Ihrem Vortrag gehen?

Ich argumentiere, dass der liberale Nationalstaat rasant von dem verdrängt wird, was ich als „Artificial State“ bezeichne: eine digitale Kommunikationsinfrastruktur, die Regierungen und Konzerne nutzen, um Politik und öffentliche Diskurse zu steuern und zu automatisieren. Diesem Phänomen möchte ich einen Namen geben.

Das Wort artificial, künstlich, impliziert, dass etwas „Natürliches“ ersetzt wird. Was bedeutet „künstlich“ in diesem Zusammenhang?

Der Begriff „künstlich“ hat eine lange Tradition in Zusammenhang mit dem Staat. Sie reicht zurück bis zu Hobbes, der den Staat als „künstlichen Menschen“ beschrieb – allerdings metaphorisch. Ich meine es wörtlich. Außerdem beleuchte ich die komplizierte Geschichte des Begriffs „künstliche Intelligenz“ und wie er entstand. 

Ab wann wird aus der Digitalisierung von Politik und öffentlicher Debatte tatsächlich maschinengestützte politische Entscheidungsfindung?

Ein Schlüsselindikator ist die sogenannte „Inversion“. Eine Plattform wie ein soziales Netzwerk gilt als „inverted“, wenn dort mehr Bots als Menschen aktiv sind. Heute ist keine Social-Media-Plattform mehr frei von dieser Umkehrung. 

Wie hat das erste Jahr von Präsident Trumps zweiter Amtszeit Ihre Analyse geprägt?

Ich publiziere seit Jahrzehnten darüber, wie Technologie und Politik zusammenwirken. Mein Vortrag und das geplante, dazugehörige Buch kommentieren nicht die aktuellen Ereignisse, sondern bieten eine historische Analyse.

Gibt es außerhalb der USA Mechanismen, die die Automatisierung der Politik hemmen oder fördern?

Der „Artificial State“ entstand zuerst in den USA und breitete sich von dort aus, zuerst in stark digitalisierte Länder. Die Reaktionen darauf fielen jedoch sehr unterschiedlich aus. In Europa etwa herrscht weitaus mehr Skepsis gegenüber automatisierter Politik als in den USA. 

Was meinen Sie mit dem „Niedergang“ des Künstlichen Staates?

Die Wissenschaft hat den Aufstieg des Künstlichen Staates seit Jahrhunderten vorhergesagt – und ebenso seinen Niedergang. Erzählerisch ist der Niedergang unvermeidlich, und ich glaube, politisch ist er es auch. 

Welche Verbindung ziehen Sie zu Hegel, dem Namensgeber der Vortragsreihe?

Hegel glaubte, dass der Staat die Freiheit schützen könne. Ich setze mich nicht direkt mit Hegel auseinander, greife aber ähnliche Fragen auf: Was ist aus dem Staat geworden? Fragen, die auch Hegel gestellt hätte.

Die Fragen stellte Sam Gurwitt

Weitere Informationen

Zu Jill Lepores zahlreichen Büchern gehören These Truths: A History of the United States (2018), ein internationaler Bestseller, der vom Time Magazine zu einem der zehn besten Sachbücher des Jahrzehnts gekürt wurde, sowie der New York Times Bestseller von 2025 We the People: A History of the U.S. Constitution. In diesem Jahr wird sie ein Buch zum Thema ihrer Hegel Lecture „The Rise and Fall of the Artificial State“ herausbringen. Die Historikerin ist außerdem feste Autorin beim Magazin The New Yorker.